Der Mittelalterspezialist Armand Baeriswyl bringt’s auf den Punkt: «Traue keinem Platz!», schau zuerst, wie er entstanden ist, schreibt der Stadtwanderer.

Auch Plätze sind Bauten

Das Buch mit dem eigenartigen Titel ‹Platz da!› zeigt, wie in der bestehenden Stadt Häuser abgerissen wurden, um Platz für einen Platz zu schaffen. Heute glauben wir, sie seien immer schon da gewesen.

Es waren Operationen am Stadtgewebe, die die mittelalterlichen Plätze erst ermöglichten. Man musste sie aus der vorhandenen Stadt herausschneiden und heute glauben wir, sie seien immer schon da gewesen. So waren die seit Jahrhunderten, die Plätze der Altstädte nämlich. Niemand, der auf einem der grossartigen Plätze Italiens steht, denkt daran, dass sie gebaut wurden, willentlich entstanden sind, da ist nichts urwüchsig, von organisch gewachsener Stadt keine Rede. Das gilt selbstverständlich auch nördlich der Alpen, zum Beispiel in der Schweiz. In einem Buch mit dem eigenartigen Titel «Platz da!» wird das vorgeführt. Der Buchtitel ist Programm, denn gezeigt wird an vielen Beispielen, wie in der bestehenden Stadt Häuser abgerissen wurden, um Platz für einen Platz zu schaffen. Nehmen wir das Beispiel Bern. Der zähringische Stadtplan kennt keine Plätze. Doch gab’s auch in Bern die burgerliche Platzsehnsucht. So hat man sowohl vor dem Rathaus wie vor dem Münster Häuser beseitigt, um ein Loch im Stadtgefüge zu schaffen, das Platz heisst. Dieselbe Operation wird für Freiburg im Üechtland wie im Breisgau, Zürich, Luzern (dort mit einer Rochade von Rats-, Gerichts- und Kaufhaus), Basel, Neuchâtel, St. Gallen, Winterthur und für weitere Städte auch in Deutschland nachgewiesen. Der Mittelalterspezialist Armand Baeriswyl bringt’s auf den Punkt: «Traue keinem Platz!», schau zuerst, wie er entstanden ist. Der heutige Basler Marktplatz ist mickrige 130 Jahre alt. Es waren fast immer die machtbewussten Kommunen die als Bauherrschaft auftraten, der Rat der Stadt baute die neuen Plätze. Mein Lieblingsbeispiel ist die Stüssihofstadt in Zürich. Oben geht die Hauptgasse als Grundseite des Dreiecks vorbei, dann stürzt ein Strassentrichter steil zur Limmat hinunter. Man ist geneigt, von einem Webfehler im Stadtmuster zu sprechen. Doch der Name weisst auf die Familie Stüs...
Auch Plätze sind Bauten

Das Buch mit dem eigenartigen Titel ‹Platz da!› zeigt, wie in der bestehenden Stadt Häuser abgerissen wurden, um Platz für einen Platz zu schaffen. Heute glauben wir, sie seien immer schon da gewesen.

E-Mail angeben und weiterlesen:

Dieser Beitrag ist Teil unseres Abos. Trotzdem möchten wir Ihnen Zugriff gewähren. Geben Sie uns Ihre E-Mail-Adresse und wir geben Ihnen unseren Inhalt – Deal?