Die Dissertation des Hochparterre-Redaktors Marcel Bächtiger untersucht, wie Le Corbusier und der Film zusammenlebten und -wirkten.

Vor und nach dem Stummfilm

Ist das Kino Frass für den Pöbel oder Erziehung zum Sehen? Le Corbusier schwankt zwischen beiden Ansichten. Benedikt Loderer las Marcel Bächtigers Kinogeschichte, die eine Filmgeschichte für Architekten ist.

Was ist das Kino? Une machine à émouvoir. Der Cinématographe der Gebrüder Lumière ist sicher eine der bahnbrechendsten Erfindungen des späten 19. Jahrhunderts. Ihr Durchbruch aber begann auf den Rummelplätzen. Fahrende Schausteller zeigten die Filme dem gewöhnlichen Volk, die Gebildeten rümpften die Nase, aber hin gingen sie trotzdem. Auch ein gewisser Charles-Edouard Jeanneret, der zwar in La Chaux-de-Fonds das Kino Scala baute, aber den Film für ein Massenfutter hielt. Von ihm handelt das Buch, genauer, es untersucht, wie Le Corbusier und der Film zusammenlebten und -wirkten.


Das Landei aus La Chaux-de-Fonds begann mit dreissig  in Paris ein anderes Leben. 1917, nach dem ersten Weltkrieg, wo alles neu und spannend war, lernt er Amédée Ozenfant kennen. Der bringt ihm das moderne Leben bei, wozu auch der Film gehört. Das andere Leben fassen die beiden in der Zeitschrift «Esprit Nouveau» zusammen, Stichwort avant-garde. Dort predigen sie die geistige Hygiene, die die pompösen Kinopaläste mit ihren der Oper entlehnten, rotgoldenen Sälen verdammt. Schluss jetzt mit Talmi und Flitter! Sie haben die erbarmungslose Klarsicht. Was ist ein Kino? Nichts «anderes als eine fensterlose Halle zur Vorführung von Filmen vor grossem Publikum», ein schwarzer Hangar. «Das Kino ist zwangsläufig modern». 


Die Verwandtschaft zwischen Film und Architektur stiftet die Bewegung. Seit Le Corbusier die promenade achitecturale erfunden und gebaut hat, ist ein Gebäude kein stillstehender Artefakt mehr, sondern wird im Durchschreiten wahrgenommen. Wer geht, geht durch eine Folge von Raumeindrücken, erlebt den Bau «filmisch». Le promeneur solitaire bewegt sich, sein Auge wird zur Kamera. In seinem Kopf wird die Raumsequenz zum Film. Bewegung! «Warum sind unsere Maschinen schön? Weil sie arbeiten, sich bewegen funktionieren. Warum sind unsere Häuser nicht schön? Weil sie nichts tun, herumstehen, repräsentieren.» Das stand im Avant-Garde-Heft «ABC» 1926.


Allerdings ist anzufügen, dass das Publikum unbeweglich im Saal sitzt, während vorne auf eine Leinwand Lichteffekte projiziert werden. Kino heisst stillsitzend reisen: «…wo die fantastischen Reisen der amerikanischen Filme unsere Gedanken, ja unser ganzes Wesen weit, weit forttragen», wie Corbu schreibt. La machine à émouvoir, «keine Kunstform traf damals auf vergleichbare Art das Gefühl der breiten Masse, keine Kunstform rührte in vergleichbarer Intensität an die urtümlichsten menschlichen Empfindungen. Besser als andere Erzeugnisse der Moderne demonstrierte die Kinematographie deshalb, was in Le Corbusiers Vorstellung auch die moderne Architektur bewerkstelligen würde: Die Geburt eines neuen poetischen Gefühls aus den technischen Eigenschaften des Maschinenzeitalters,» schreibt Bächtiger.


Es folgt das Appartement Beistegui, die Aufstockung eines Wohnhauses à la Haussmann an der Champs-Elysées. Die zweigeschossige Dachwohnung wird in «oeuvre complète» ohne Pläne vorgestellt. Auch die elektrisch verschiebbare Hecke wird uns vorenthalten. Das Innere «sans mobilier» fotografiert und die Einrichtung zum Filmezeigen unterschlagen. Bächtiger zeigt uns nun die notwendigen Pläne und die kitschige Möblierung des exzentrischen Multimillionärs Charles Comte de Beistegui. «Une machine à regarder» schreibt er, und machine à contrôler ergänze ich. Der Blick über Paris wird auf der obersten Terrasse von Mauern so eingesperrt, dass nur Notre Dame, Eiffelturm, Arc de Triomphe und Montmartre über die Mauer lugen. Allen Architekten ist ein Bild bekannt: La chambre à ciel ouvert mit dem Cheminée an der einen Wand. Dabei ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass der Boden eine Rasenfläche ist! Une folie, zu der Le Corbusier später nur noch halbherzig steht.  


Zum Heimkino Beistegui bei Corbu kein Wort. Warum nur? Weil ihm das Kino abhandenkam, genauer, der Tonfilm hat seinen, den stummen, umgebracht. Um 1930, als das Appartement Beistegui im Bau war, setzte sich der Tonfilm durch, den Corbusier und die Seinesgleichen verachteten. Der Stummfilm ist bei Corbu eine Sehschule. Was man im Kino anschaut, ist nur die Vorstufe des Sehens, der Verarbeitung, die zu geistiger Erkenntnis führt. Der Betrachter wird zum Seher. Die Vorherrschaft des Sehens wurde durch das Tönen bedroht. Voir ce qu’on voit heisst auch, das Sehen ist die Königsdisziplin, alle anderen Sinne sind des Sehens Knechte. Und nun das! Ein Ertrinken in Getön, schlammig, schwammig, schlampig, weit weg von der heroischen, klaren, eindeutigen Wahrheit. «…dabei war es noch nicht lange her, dass der avantgardistische Zirkel um Le Corbusier von der Auflösung aller Künste in der Kinematographie fantasiert hatte.» 


Corbu wird zum Kinoskeptiker, macht aus dem Wunderwerk wieder eine Verdummungsmaschine. In der strahlenden Stadt gibt es Museen, Theater, Sport, verdure et espace, die sind alle gut, das Kino aber ist schlecht. Allerdings, «so scharf er den Kinobesuch als schädliche Freizeitbeschäftigung kritisierte, so bereitwillig machte er vom Massen-Appeal des Mediums Gebrauch, wenn es dazu eingesetzt werden konnte, seine Ideen zu verbreiten.» Le Corbusier als Filmstar, auch das wird untersucht und vorgeführt.


Dann kommt der der zweite Weltkrieg und nachher ist wiederum alles neu. Diesmal geht es um die Synthèse des Arts, dem Zusammenklang der Künste. Bild, Ton, Licht und Bewegung sollen eins werden. Hat da jemand wagner’sches Gesamtkunstwerk gesagt? Egal, es gibt ja die Probe aufs Exempel, den Philips Pavillon an der Weltausstellung von 1958 in Brüssel. Richtig: Das Atomium hat seinen Auftritt. Nicht mehr im schwarzen Hangar, sondern in einem Dreispitzzelt findet Le Corbusiers Gesamtkunstwerk statt. Kein Kino, eher eine Diaschau: Die Welterklärung dargebracht in Form eines poème èlèctronique. Die Firma Philips zeigte, was sie zu bieten hat. Immersion, Ein- und Untertauchen war das Programm. In zehn Minuten wurde eine Zuschauergruppe durch einen Sensationskanal geschleust, auf dessen gebogenen Wänden beidseitig eine Bilderflut vorbeirauschte, untermalt von der Musik Edgar Varèses, eine «Komposition für mehrere Tonbänder». Die Besucher schwammen im Bilderstrom. Ich glaube nicht, dass die Leute die Welterklärung Le Corbusiers mitbekamen, die «Vorstellung des Architekten als auserwählter Heldenkünstler, der dank seiner Einsicht in die tieferen Wahrheiten die orientierungslose Gesellschaft in ein besseres Zeitalter führt.» Sie waren überwältigt, voilà tout. 


Am Schluss spekuliert Bächtiger was Le Corbusiers nächster Schritt hätte sein sollen: Eine Architektur besser als das Kino. Le poème éléctronique war als Auftakt für Grösseres gedacht: «Die Verwandlung der Architektur in ein audio-spatiales Gesamtkunstwerk», oder die Architektur als machine sonore. Klingende Architektur, die Steine reden nicht, sie singen, Valéry hat das schon vorausgesagt. 


Und jetzt? Der Film für den Pöbel steht am Anfang, Nasenrümpfen, dann folgt das Sehenlernen im Stummfilm, das zur Erkenntnis führt. Leider macht der Tonfilm das Sehen kaputt, dem Gemenge von Ton und Bild fehlt die Reinheit. Doch einen Krieg später springt Le Corbusier ins Bad der Immersion, was er einst verachtete, ist nun Programm: Ton, Bild, Farbe und Bewegung zu verheiraten. Was habe ich gelernt bei der Lektüre? Ich las eine Filmgeschichte, abgehandelt am wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Das ist nicht die ganze, aber für Architekten die spannendste.


PS. Das Appartement Beistegui hat’s mir angetan. Schade ist es unterdessen zerstört, genauer umgebaut. Ich hätte gerne dort gewohnt.

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