Ursula Kochs Erbe
Wer nicht für sie war, war gegen sie. Dazwischen gab es nichts. Das Buch «Zürich lebenswert umbauen» wagt einen nüchternen, zweiten Blick auf Kochs Zeit als Stadträtin. Eine Buchrezension in eigener Sache.
Es war keine Nachfolge, es war ein Bruch. Auf Hugo Fahrner folgte Ursula Koch. Ein Höriger der Bauwirtschaft wurde 1986 vom Wahlvolk durch eine Kämpferin für Lebensqualität ersetzt. Diese beiden Figuren verkörpern wie das Minus und Plus der Algebra zwei entgegengesetzte Haltungen zur Stadtentwicklung. Fahrner, ein Freisinniger, war Beförderer und Vertreter des Business-Zürichs, wollte eine Kommerz- und Büroinnenstadt, glaubte an Global City und nahm die Vertreibung der Bevölkerung billigend in Kauf. In der Stadtregierung war er der Vertreter der Bau- und Immobilienwirtschaft. Der Prüfstein beider Wirken ist der Gestaltungsplan. Fahrner sah darin das Ermöglichen. Doch wovon? Der höheren Ausnützung. Der Gestaltungsplan, nach Fahrnerscher Anwendung ist ein technokratisches Instrument, mit dem man grössere Bauvorhaben und vor allem Zonenänderungen durchsetzt. Nutzniesser sind die Grundeigentümer, denen er verpflichtet war. Diese bürgerliche Stadtentwicklungspolitik nannte er Fortschritt und Zukunft.
Ursula Koch, Sozialdemokratin meinte es ernst. Lebensqualität war für sie nicht bloss ein schmuckes Sonntagswort, nein, sie nutzte ihre Macht als Stadträtin, diese Lebensqualität durchzusetzen. Sie entdeckte die politische Sprengkraft des Gestaltungsplans. Zonenänderungen und Mehrnutzung sind nicht länger gratis, nein, wer mehr kriegt, muss auch etwas davon abgeben, der Stadt und der Lebensqualität, für Stadtplätze oder Schulhäuser zum Beispiel. Die Bauwirtschaft und ihre Verbündeten waren entsetzt. Die Koch beraubt uns! Die lächelte und rechnete den Entrüsteten vor: Euer Grundstück in der Industriezone ist heute 500 Franken wert. Wenn es über einen Gestaltungsplan in eine Mischzone kommt, so steigt der Wert auf 4500. Was ihr der Bevölkerung abgeben müsst, mindert den Preis auf 3500. Ich habe euch nicht 1000 weggenommen, sondern mit der Aufzonung 3000 geschenkt. Wenn ihr nicht wollt, so machen wir statt einem Gestaltungsplan, eine Umzonung nach dem normalen, gesetzlichen Verfahren, Dauer 15 Jahre, Erfolg ungewiss. C’est à prendre ou à laisser. Ursula Koch meinte es ernst.
Der Gestaltungsplan, das ist das Kernstück der Ära Koch, die im Buch von Regula Iseli, Philippe Koch und Simon Mühlebach beschrieben wird. Weil er den Bruch verdeutlicht. Die Fortschrittskoalition zwischen Freisinn und SP, die über dreissig Jahre so reibungslos funktionierte, zerbrach. Wo der Kuchen ständig wächst, kriegen alle ein grösseres Stück, war dessen Grundlage. Neu war nun, dass die Bewegten den Kuchen ausspuckten. Er war ihnen zu betoniert, zu lebensfeindlich. Was mit dem Widerstand gegen das Ypsilon begann, wurde mit Kochs Wahl offensichtlich: Das Prinzip «weiter-so» ging nicht mehr weiter. Von Fahrner zu Koch, der Wechsel verkörpert den Grundbruch: Die Linke glaubte nicht länger an die Technokratie und das «Weiter-so». Das grünrote Zürich beginnt mit Ursula Koch. Andersherum gilt, für den Freisinn gilt: Nach Fahrner abwärts.
Das steht, wenn man’s lesen will, in diesem Buch, herausgegeben vom Institut Urban Landscape der ZHAW. Es steht aber auch die Geschichte der Koch’schen Regierung darin. Das Hauptstück ist die Revision der Bau- und Zonenordnung BZO, die Koch im Mai 1992 knapp durch die Volksabstimmung brachte. 450 Rekurse und das Hochbauamt wurde eine Anwaltskanzlei. Sie gab nie nach. Stur sei sie, beklagten sich die Einsprecher, bei einem Mann antwortete sie, hiesse das durchsetzungsfähig. Es endete mit der BZO Hofmann, der Kanton entmündigte die Stadt. Selbstverständlich profitierten die Grundeigentümer.
Dass Koch den Wettbewerb überall, wo sie konnte, durchsetzte, war der erste Schritt zur grossen Grundrisskunde, sprich weg von Zweispänner und hin zur Grundrissfülle, die in den letzten 30 Jahren in Zürich blühte. Die Wettbewerbe, die Koch verlangte, waren der Trieb- und Treibstoff dafür. Sie war es auch, die die öffentliche Jurierung einführte, weniger Kabinettspolitik, mehr Öffentlichkeit. Zu lesen ist auch das einzige Interview, das sie nach ihrem Rückzug gewährte. Darin ihre Aussage: «Gestaltungspläne haben uns einen Hebel gegeben, um unsere Stadtplanungsziele umzusetzen.»
Ja und wie habe ich sie erlebt? Sie war neugierig. Die Chemikerin lernte Baudirektorin. Sie hat zugehört und sie vertraute auf die Kompetenz ihren Mitarbeiter. Was sie wollte, das hat sie in ihrer berühmten Rede vom 16.März 1988 vor dem SIA zusammengefasst. Darin der berühmte Satz «Zürich ist gebaut». Dieser Text liest sich wie eine Regierungserklärung der Stadträtin Koch. Ihr Programm «lebenswerte Stadt» gilt noch heute. Diese kleine, kräftige Frau mit der gefrorenen Frisur hatte eine Eigenschaft, die bei Politikerinnen selten ist: Sie hatte Überzeugungen. Die Welt ist in Gefahr, sie musste etwas dagegen unternehmen. In Zürich muss beginnen, was retten soll das Vaterland. Sie ist verschwunden, die üble Nachrede ersetzte sie vollkommen. Doch ich sage: Von Koch an aufwärts.
PS: Maulen muss ich trotzdem noch. Als Anhang gibt es eine Presseschau. Eine Sammlung von Zeitungsartikeln, die zu Kochs Regierungszeiten über sie erschienen sind. Das wäre eine interessante Ergänzung zum abwägenden, rechtfertigenden Buch. Doch sind die rund 40 Seiten für die Katz, weil die Grafikerinnen die ausgewählten Zeitungsartikel willkürlich beschnitten haben, so dass man sie nie ganz lesen kann. Immer hört der Text am Seitenrand auf, ohne zum Ende zu kommen. Schnipp, schnapp – lesen ab. Die Grafikerinnen, selbstverständlich mit dem Segen der Buchmacher, haben sich darauf verlassen, dass niemand diese Artikel lesen will. Doch wären sie erhellend gewesen. Ich war frustriert. Ich blätterte durch reines Augenfutter am Ende eines sorgfältig gemachten Buchs.
Zürich lebenswert umbauen. Konflikte, Macht und Wandel in der Ära Ursula Koch (1986–1998). Edition Hochparterre, Zürich 2025.
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