Mit «Planung als umfassender gesellschaftlicher Ordnungsversuch, mit rationalen, wissenschaftlichen Methoden die Welt zu optimieren», ist Thomas Sievert angetreten, schreibt der Stadtwanderer..

Une biographie intellectuelle

Benedikt Loderer hat Thomas Sieverts «Fünfzig Jahre Städtebau» gelesen. Der Städtebauer beschreibt darin seine Laufbahn. Der Stadtwanderer teilt mit ihm den Glauben ans System und den Abfall von diesem Glauben.

Der Professor emeritus Thomas Sieverts (*1934), ja der mit der Zwischenstadt, blickt zurück und schreibt eine Biographie intellectuelle. «Planung als umfassender gesellschaftlicher Ordnungsversuch, mit rationalen, wissenschaftlichen Methoden die Welt zu optimieren», damit ist Thomas Sievert angetreten. Da kam zum Beispiel 1963 Ludwig Hilberseimer, «eine Art Kirchenvater des modernen Städtebaus», aus Amerika nach Berlin, unterrichtete beinhart seine unfehlbare Lehre und «wehrte alle Argumente für gestalterisch vielfältigere Lösungen in seiner mentalen Festung aus natur- oder ingenieurwissenschaftlich funktionalen Axiomen ab.» Doch die ersten Zweifel wollten nicht mehr verstummen. Der Städtebau wie ihn die Charte d’Athènes propagierte und mit Form follows Function den Wiederaufbau in Europa beherrschte, war schon alt geworden. Da las zum Beispiel der junge Assistent Sieverts Kevin Lynchs «Image oft he City» und Christopher Alexanders «Notes on the Synthesis of Form» und er merkte: Es muss mehr geben als das Trennen der Funktionen.


Doch musste Sieverts erst durch die Schule des Systems. Es muss einen beweisbaren, sprich wissenschaftlichen Städtebau geben, den Königsweg der alle Widersprüche überwindet. Klar, man muss alle Faktoren berücksichtigen, sie bewerten, benoten, gewichten, dann ist am Schluss das Resultat wasserdicht und widerspruchsfrei. Ich lernte bei Helmut Spieker das Marburger Bausystem, ein holistisches widerspruchsfreies Konstrukt. Doch ging’s mir wie Sieverts, es war in der Berufspraxis nicht zu gebrauchen. Er machte mit seiner Freien Planungsgruppe Berlin dieselbe Erfahrung. Das Zusammenzählen ergibt noch keine Form. Denn «Städtebau verwandelte sich von einer fast ausschliesslich technisch-künstlerischen Tätigkeit in eine systematische und politische Disziplin.» Der Entwurf wurde zum Prozess, der Königsweg zum Gewebe. Je besser die Analyse, desto besser der Entwurf. Leider klaffte zwischen den beiden ein unüberbrückbarer Graben: Die Analyse führte nie zum Entwurf. Dafür brauchte es die «Rückbesinnung auf Imagination und Intuition» fand Sieverts heraus. Nach der «positivistischen Verwissenschaftlichung» kam nun das «emotionale, subjektive Erlebnis»:
Unterdessen war er bei der IBA alt und neu in Berlin angelangt und 1975 das Jahr des Denkmalschutzes war vorüber. Nicht länger die Neue Stadt stand im Zentrum, sondern die Stadtgestalt. Der Städtebauprofessor beschäftigt sich mit der Bedeutung der Zeit im Städtebau und mit der Verfahrenskreativität und mit der Lehre von der Lehre.


Städtebau ist «zum grossen Teil Kommunikation», stellt Sieverts fest. Er kann brauchen, was er herausgefunden hat, denn nun kommt die IBA Emscher Park. In diesem gequälten Land, wo buchstäblich das Unterste nach oben gekehrt wurde, konnte man keinen «ursprünglichen Zustand» wieder herstellen, die Wunden, Narben, Vergiftungen sind zu gross. Es gibt auch keine traditionelle Stadt mehr, eher ein ungeordnetes Siedlungsarchipel in einer verschmutzten Landschaftslagune. Im Westpark Bochum machte Sieverts die Probe aufs Exempel. Aus dem Gelände eines verlassenen Stahlwerks wurde ein Park der neuen Art. Die Hinterlassenschaft der Industrie wird erschlossen, will sagen, zu einer Erholungslandschaft umgestaltet. Die Bäume sind schon da, der spontan gewachsene Industriewald, (ich lernte ein neues Wort).


Regionalplanung ist das nächste Stichwort. In der verstädterten Landschaft oder verlandschafteten Stadt treibt er Wahrnehmungskunde, nicht das schmerz- und empfindungslose Erdulden, sondern die «sorgende Wahrnehmung», die Gefühle und Erinnerungen zulässt, er spricht sogar von «empfindsamer Wahrnehmung». Regional heisst «Oasen stabiler, hochwertiger Gestaltkerne» schaffen, dazwischen spannen sich «Entwicklungsfelder» auf. Ich übersetze: Merkzeichen und wenig dazwischen.


Sieverts wird tiefsinnig. Er lehnt den eingewöhnten Gegensatz von guter Natur versus böses Bauen ab. Denn wir sind in der dritten Moderne angelangt, nach der Industrialisierung folgte der Wohlstand und nun die Nachhaltigkeit. Was tun? Erstens die Zwischenstadt, was ich mit Agglomeration übersetze, akzeptieren. Zweitens das Erbe annehmen, das heisst die «Leitfossilien» der Wohlstandszeit, die Grosssiedlungen umbauen. Drittens die alten Stadtzentren transformieren, weg vom Einzelhandel, hin zur Aufwertung des öffentlichen Raums. Viertens die «Kultivierung der Infrastruktur», der Kläranlagen zum Beispiel. Schliesslich noch die «Verknüpfung des virtuellen mit dem realen Raum», wovon Sieverts zugibt, wenig zu verstehen. Geschrieben hat er das 2001, er scheint die Entwicklung geahnt zu haben.

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