Time is Money
Das 19. Jahrhundert wird kaum noch beachtet, obwohl seine Ingenieure und Architekten geniale Erfinder waren. Das Buch von Tom F. Peterson rief dem Stadtwanderer Eiffel, Paxton & Co wieder in Erinnerung.
Zuweilen treffe ich Bücher unverhofft wieder. Ja, merkte ich, das hatte ich mal, doch unterdessen ist’s verschwunden, zum Beispiel «Time is Money». Beim Antiquariat Petrej hatte es auf mich gewartet. Es geht um das 19. Jahrhundert, genauer um den Fortschritt. Am Anfang stand der Handel, sprich der wachsende Kapitalismus. Der setzte sich zwischen der französischen Revolution und dem ersten Weltkrieg endgültig durch. Dafür brauchte er Infrastrukturen. Beginnend mit den Kanälen über die Fernstrassen und Eisenbahnen bis zu den ersten Autos. Der Verkehr machte sich Platz. Der Dampfer und die Lokomotive waren die beiden Zugmaschinen, die den Fortschritt durch die Welt schleppten.
Tom F. Peters Blick richtet sich nicht auf die allgemeine Technikgeschichte, sondern auf das Bauwesen. Was geschieht auf den Bauplätzen und in den Büros? Es gab neue, noch nie gelöste Bauaufgaben wie eiserne Brücken, Häfen, Bahnhöfe, Markt- und Ausstellungshallen, Lagerhäuser, Börsen, Banken, Hotels. Es wehte ein neuer Geist. Nicht länger die Prunk-, Staats- und Wehrbauten der politisch Mächtigen, sprich der Monarchien, sondern die Behälter des bürgerlichen Geldverdienens standen im Vordergrund. Die Bauten wurden produziert, nicht mehr errichtet, die Montage verdrängte das Handwerk.
Der Kristallpalast für die erste Weltausstellung, 1851 in London, ist das Paradebeispiel für das neue Denken und Bauen. Joseph Paxton, der mit Gewächshäusern bereits Erfahrung gesammelt hatte, schlug nicht ein Gebäude vor, sondern einen Bauprozess. Die Zeit drängte, eigentlich war ein so riesiges Gebäude auf den verlangten Termin gar nicht zu schaffen. Darum führte der Zeitdruck Regie. In nur sechs Wochen entwickelte Paxton das Modul, ein quadratisches Joch in Eisenguss von 24 x 24 Fuss, das tausendfach produziert, neben- und übereinander gestellt die Halle ergab. Immerhin 74 000 Quadratmeter Fläche und von einer symbolischen Länge von 1851 Fuss, viermal so gross wie St. Peter in Rom. Es war ein Industriebau, zwar ein Ausstellungspalast, aber ein industriell hergestelltes Gebäude. Das heisst, Serienproduktion aller Teile, die, ohne ein Gerüst nötig zu haben, in Windeseile montiert wurden. Es ist der Leitbau des 19. Jahrhunderts. Nur noch der Eiffelturm darf in diese Liga mitspielen.
Tom F. Peters führt an beispielhaften Bauten durch das Jahrhundert: Durch den Themsetunnel hindurch, in dem auch mir fast gschmuch wurde, über die Conwaybrücke, durch den Suezkanal und schliesslich zum Bau des Langwiesviadukts. Unterwegs gibt’s noch verschiedene Abstecher zu den Baumaschinen und zu den neuen Materialien etwa und zu den weiteren Erfindungen, die sonst noch am Weg liegen. Die Entwicklung des Betons, die eine Suche nach dem brauchbaren Zement war, wird auch besichtigt, genauso wie die Hobelmaschine und der Kran. Peters erkundet die Erfindungslust der Konstrukteure und die Findigkeit der Bauleute. Ich kriegte einigen Respekt vor diesen Herren in Frack und Zylinder.
Etwas fehlte mir doch: Wo ist die Elektrizität geblieben? Hat sie den Bauplatz nicht verändert? Einen Lift ohne Elektromotor kann ich mir schlecht vorstellen und einen Wolkenkratzer ohne Aufzug noch weniger. Genau, die Entstehung des Wolkenkratzers wird nur gestreift. Immerhin, die elektrische Beleuchtung des Bauplatzes, die kommt vor.
Jedes Kapitel wird mit einer gekonnten Collage aus Bildern de l’epoque eingeleitet, überhaupt sind die Illustrationen Augenöffner. Lesend habe ich einen Wiederholungskurs in Technikgeschichte gemacht.
Peters, Tom F.: Time is Money. Die Entwicklung des modernen Bauwesens. Julius Hoffmann Verlag, Stuttgart 1981.
Als Ergänzung noch Peters Vorbildbuch: Giedion, Siegfried: Mechanization takes Command. Oxford University Press, 1948.