The Appian Way
Adolph Appia fegte im 19. Jahrhundert den Dekor von der Bühne und ersetze die Prospekte durch Treppen, Rampen, Podeste. Benedikt Loderer hat das neue Buch von Ross Anderson über den Genfer Szenographen gelesen.
Dieses Buch kommt pompös daher. Es spielt Foliant, ist aber nur ein grosses, dickes Buch. Es protzt. Seine Erfinder konnten der Versuchung nicht widerstehen, den Namen Aldophe Appias (1862-1926), mit dem des Censors Appius Claudius Caecus zu kreuzen, der um 300 vor Christus die Via Appia von Rom nach Capua bauen liess. Zwei Namensvetter, durch mehr als zwei Jahrtausende getrennt, werden plötzlich Blutsbrüder. Wer merkt da schon die Hochstapelei? Egal. Es römert sehr, obwohl’s im Buch gewaltig wagnert.
Denn mit Richard Wagner beginnt’s. Der Genfer Adolphe Appia, aus einer streng calvinistischer Familie, die das Theater, weil sittenwidrig, ablehnte, entdeckte es trotzdem und dort vor allem Richard Wagner. Es ist mir heute kaum mehr vorstellbar, was dessen Musik im späten 19. Jahrhundert bewirkte: Den ästhetischen Taumel. Ich las und staunte. Young Appia, der Musik studiert hatte, ging nach Bayreuth und «in that time, a Wagnerian is precisely what Appia became. Wagner had even taken the place for him of religion, of love, of everything.» Ich musste leer schlucken beim Lesen.
Doch Appia fand, die veristischen Bühnenbilder in Bayreuth und anderswo, die dunkeln Schluchten und hellen Höhen, die Prospekte mit Fels, Rheinrauschen und Wald, seien der Grösse Wagners nicht angemessen. Er stellte sich die und der Aufgabe eine grundsätzliche Reform des wagnerischen Bühnenbilds zu vollbringen. Diese Mission fasste er 1899 in seinem Buch ‘Die Musik und die Inscenierung’ zusammen. Leider blieb Cosima Wagner, die Witwe und Gralshüterin Richards, kühl und ablehnend. Es gelang Appia nie in die Sippe der Wagnereigentümer einzudringen.
Aber da war sein Genfer Landsmann, Emile, der Erfinder der Eurhythmie, der diese Lebenskunde in Dresden-Hellerau, in der ‘Bildungsanstalt Emile Jacques-Dalcroze’, unterrichtete. Alle aufmerksamen Architekten kennen das Theater, das Heinrich Tessenow kurz vor dem ersten Weltkrieg dort baute. Es steht noch. Appia wurde zum der Bühnenbildner Helleraus. Und dort konnte er endlich verwirklichen, was er schon vorher gezeichnet hatte: Les Espaces Rythmiques, jene hinreissenden Zeichnungen von Treppenstufen, Rampen und Podesten im Licht. Er reinigte die Bühne von allem Dekor und liess nur noch abstrakte formes primaires, wie Corbu gesagt hätte, gelten. Es gibt ein Bühnenbild vor und nach Appia. Der Wagnerianer Appia hatte Karbidleuchten fürs Bühnenlicht, der Umstürzer Appia elektrische Lampen. Ein Quantensprung in der Theatergeschichte.
Das architektonische Bühnenbild ist Appias Beitrag. Der wird im Buche vorgeführt und gewürdigt und mit vielen Bildern untermauert. Doch leider kann der Autor Ross Anderson die Tinte nicht halten. Ich finde es zwar immer nötig, bei jedem Buch des Typs ‘Leben und Werk’, auch das historische Bindegewebe mitzuliefern. Doch diesmal wurde es mir zu viel. Dass er auf den Fotografen Frédéric Boissonas eingeht, meinetwegen, doch warum so detailliert? Mies van der Rohe kommt seitenlang vor, Le Corbusier ebenso. Der wenigstens besuchte seinen Bruder Albert in Hellerau, wo er für Jaques-Dalcroze als Geiger arbeitete. Doch dieser Besuch genügte dem Autor nicht, er brauchte noch eine lange Abschweifung um Corbu herum. Ebenso Albert Speer, der mit Zitaten aus seinen Tagebüchern vorkommt und nicht zu vergessen, der abverheite Kunstmaler Adolf Hitler kriegt auch einen Auftritt. Kurz, der Autor spreizt sich und verwurstet restlos, was er alles gelesen hat. Ja gewiss, ich glaube dem Professor Anderson, der an der University of Sidney unterrichtet, seine Sorgfalt. Nur warum 433 Seiten, wo die Hälfte die Botschaft besser verkündet hätte?
Ach, ich Ignorant! Der Titel heisst: Adolphe Appia and the Scenography of Modern Architecture. Es geht Anderson darum, zu zeigen, was Appia gestiftet hat. Eine Wirkungsgeschichte, nicht Werkschau. Genau, darum muss er jeder Spur nachgehen und jede Figur ausloten. Er gehorcht seiner Mission. Leider ist mir dafür die Beweislage zu dünn, die Beispiele zu nebulös, die Einflüsse zu mager. Appia, der nach Hellerau verdämmerte, ist zu wenig wirkungsmächtig für ein so dickes und wichtigtuerisches Buch. Es kommt zu pompös daher.
Anderson, Ross: The Appian Way. Adolphe Appia and the Scenography of Modern Architecture. Edited by Thomas Weaver. Park Books, Zürich 2025. Hier für 49 Franken bei Hochparterre Bücher bestellen.
Antiquarisch: Appia, Adolphe: Die Musik und die Inscenierung. Bruckmann, München 1899.