Es geht um Innerlichkeit, um Schubladen, Truhen und Schränke, um Schloss und Riegel, um unser Bedürfnis nach Geheimnis und um die Intelligenz des Verstecks, schreibt der Stadtwanderer.

L’imagination au pouvoir

Benedikt Loderer hat die ‹Poetik des Raums› des französischen Naturwissenschaftler und Philosoph Gaston Bachelard (1884-1962) gelesen.

Es ist harte Kost. Wer der Phänomenologie der dichterischen Einbildungskraft (imagination) folgen will, braucht Hartnäckigkeit und das philosophische Lexikon. Gaston Bachelard (1884-1962) machte sich 1957 auf, den Raum zu suchen. Nicht den architektonischen, sondern den der Dichter. Die reden in Bildern jenseits der Wirklichkeit, trotzdem sind’s Bilder, die «sofort in mir Wurzeln schlagen». Wie geht das? Durch den dichterischen Akt, «das plötzliche Bild, das Aufflammen des Seins in der Einbildungskraft». Ich war ratlos. Der Griff zum Lexikon war fällig. 

Stichwort Phänomenologie, da lerne ich: Bewusstsein ist Bewusstsein von etwas. Im Wesen des Erlebnisses liegt nicht nur, dass es ist, sondern auch, wovon es Bewusstsein ist und in welchem Sinn es das ist, mit einem Wort: was es «meint». Wohlgemerkt, es geht um Dichtung. «Im Anklang vernehmen wir das Gedicht, im Widerhall sprechen wir es nach». Bild meint nicht Sprachbild, nicht Metapher, nein das dichterische Bild. Das ist keine Übertragung, es wird erlebt, ist ursprünglich, eine Gravur. Die Einbildungskraft ist eines der tiefsten menschlichen Vermögen. Kreativität hätte ich geschrieben.

Bachelard macht sich auf, diese Bilder zu finden. Er kämmt die Poesie durch, namentlich die französische um 1900, doch auch Rilke gehört zu seinen Kunden. Er macht das nicht nach Autoren oder dem Zeitfaden entlang. Er bildet Räume. Das beginnt mit dem Haus «vom Keller bis zum Dachboden». Das Haus sorgt für ein Umhegtsein, für Geborgenheit, es erlaubt uns «in Frieden zu träumen». Träumerei ist ohnehin der Treibstoff der Poesie, die Erinnerung an das Haus unserer Kindheit zum Beispiel. Im Zustand der «beständigen Kindheit» versuchen wir die Vergangenheit festzuhalten. Wir bewohnen das Elternhaus im Traumvorgang. Das Haus hat Zufluchtswerte, die in unserem Unbewussten verankert sind. Das Unbewusste lässt sich nicht zivilisieren.

Es geht um Innerlichkeit, um Schubladen, Truhen und Schränke, um Schloss und Riegel, um unser Bedürfnis nach Geheimnis und um die Intelligenz des Verstecks. Es folgt das Nest. Bachelard erschauert: «Die weibliche Bedeutung des Nests in der Gabel zwischen zwei Ästen enthüllt sich mir plötzlich». Die Muschel anschliessend. Die leere Muschel weckt Träumereien von Zuflucht. Der Winkel. Er erlaubt den Rückzug. Die Miniatur macht das Kleine gross und das Grosse klein. Die Tür! Sie steht auf der Grenze zwischen Innen und Aussen macht den Unterschied zwischen offen und geschlossen, «der Mensch ist das halboffenstehende Sein». Das Buch ist ein Inventar zum Haushalt der Erinnerung.  

Bachelard treibt Literaturwissenschaft seiner Erfindung. Er benützt die Zitate aus den Gedichten als Proviant, nicht als Beweisstücke. Lange vor den Achtundsechzigern forderte er l’imagination au pouvoir, genauer, er beobachtete sie an der Arbeit.

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