Für mehr Planungsgerechtigkeit
Normen sind nicht neutral - Städte auch nicht. Ein neues Handbuch zeigt, wer durch Planung benachteiligt wird – und wie sich das ändern lässt.
Bis heute kommen Architekturstudierende und praktizierende Planer*innen kaum an Normenwerken wie der ‹Bauentwurfslehre› von Ernst Neufert vorbei. Die erste Ausgabe erschien 1936 - seither wird sie laufend aktualisiert und überarbeitet. Für das Entwerfen sind solche Sammlungen von Massen in Bezug auf den menschlichen Körper für Architekt*innen durchaus hilfreich. Sie geben beispielsweise Orientierung darüber, wie breit ein Korridor sein muss, damit mehrere Personen aneinander vorbeilaufen können. Oder sie treffen Aussagen über Greifhöhen, also bis zu welcher Höhe Dinge erreichbar sind. Hieran orientiert sich die Aufhanghöhe von Oberschränken in Küchen. Einbauküchen werden nach diesen Normgrössen entwickelt. Am Beispiel der Küche zeigt sich aber deutlich, dass die Normgrössen selten wirklich gut funktionieren. Für die einen ist die Arbeitsfläche zu hoch und für die anderen zu niedrig.
Masse erzeugen Ungleichheit
Zu Beginn gehen die Autorinnen Lara Brezing und Pia Katharina Winder detailliert auf die Anthropometrie und ihre Herausforderungen für die Planung ein. Anthropometrie ist die Wissenschaft von Massen und Massverhältnissen des menschlichen Körpers. Lange Zeit diente ausschliesslich der durchschnittliche Körper von Männern als Ausgangspunkt für die körperlichen Standardmasse. Nach diesen Massen und Bedürfnissen wurden nicht nur Wohnungen, sondern auch öffentliche Räume und Infrastrukturen geplant.
Eine Gruppe von Urbanistik Studierenden der Technischen Universität München nahm die Erkenntnis, dass unsere Umwelt nicht neutral gebaut ist, zum Anlass, das Handbuch ‹Raumpilot*in. Gendergerechter Städtebau – Handbuch für Planer*innen› zu erarbeiten. Sie betonen immer wieder, dass Städte historisch und funktional auf bestimmte Lebensmodelle – insbesondere auf erwerbstätige, männliche Normbiografien – zugeschnitten sind. Mit ihrer Publikation unterstützen sie Planer*innen mit konkreten Handlungsoptionen die Stadtplanung für die Bedürfnisse aller Menschen gerechter und lebenswerter zu gestalten.
Planung neu denken
Das Ringbuch gliedert sich in acht Kapitel: Starke Repräsentation, öffentlicher Raum, gerechte Mobilität, Sicherheit erhöhen, qualitätvolles Wohnen, Care-Arbeit, eine gesunde Stadt und Klimaanpassung. Damit bezieht sich das Buch direkt auf die Leitlinien zur gendergerechten Stadtentwicklungspolitik des deutschen Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauen. Diese Leitlinien wurden im Frühjahr 2025 veröffentlicht und sollen Gemeinden und Ämter dabei unterstützen Themen der Gleichstellung auch in der Stadtentwicklung zu berücksichtigen. Die vorgestellten Themenfelder lassen sich ohne Weiteres auf den schweizerischen Kontext übertragen. Gerade weil hier vergleichbare Leitlinien bislang fehlen, liefert das Handbuch neue Impulse für die Planung, Verwaltung und Politik.
Das Buch erläutert zunächst die grundlegenden Begrifflichkeiten zu jedem neuen Thema. Wo immer nötig werden Widersprüche oder Interessensabwägungen unterschiedlicher Nutzer*innengruppen diskutiert. Betrachtet werden nicht nur die Bedürfnisse von Frauen, sondern auch die von sorgenden Personen, älteren Menschen, Menschen mit Beeinträchtigungen oder Kindern. Anschaulich ergänzt werden sämtliche Texte durch Bilder mit Worst- und Best-Practice-Beispielen. Eigens angefertigte comichafte Zeichnungen ziehen sich wie ein roter Faden durch das fast dreihundert Seiten starke Buch. Auch konkrete Masszeichnungen mit Angaben zum Platzbedarf finden sich im Buch, wie im Kapitel zur Mobilität. Dargestellt sind hier beispielsweise ein Doppelkinderwagen und ein Rollator.
Vielfältige Bedürfnisse
Besonders gut gelingt es, komplexe theoretische Konzepte verständlich zu erklären und sie anschliessend in konkrete planerische Entscheidungshilfen zu übersetzen. So geht es im Kapitel zur Sicherheit im öffentlichen Raum, nicht nur abstrakt um Sicherheitsbedürfnisse oder Angsträume. Vielmehr wird anhand von Praxisbeispielen analysiert, welche Auswirkungen Beleuchtung, Wegeführung, Einsehbarkeit oder Nutzungsüberlagerungen auf unterschiedliche benachteiligte Gruppen haben. Unsicherheitsgefühle führen nämlich häufig dazu, dass vulnerable Gruppen diese Orte meiden. Die Folge sind längere Wege und eine geringere Präsenz im öffentlichen Raum.
‹Raumpilot*in› will die Planungspraxis gerechter machen und fordert alle Planer*innen dazu auf ihre Standards kritisch zu hinterfragen. Der Beschreibung der Autorinnen über das Ziel ihres Buches ist nichts hinzuzufügen: «Es dient als Wissensspeicher, Leitfaden, Handlungsempfehlung und Augenöffner zugleich, ohne die Kreativität des Entwurfs einzuschränken.»
Raumpilot*in. Gendergerechter Städtebau – Handbuch für Planer*innen.
Lara Brezing und Pia Winder in Zusammenarbeit mit Pauline Elena Philipp, Valentin Böll, Fiona Günther und Laurenz Murken. Herausgegeben von Benedikt Boucsein und Matthias Faul, Professur Urban Design, TU München. M BOOKS, 2025. CHF 27.-
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