Frauenleben im Neubühl
Ein Buch erzählt die Geschichte der Bewohnerinnen der Werkbundsiedlung Neubühl und macht sich für die Nutzer*innenperspektive im Wohnungsbau stark.
Zwischen 1928 und 1932 entstand am südlichen Rand der Stadt Zürich die einzige Werkbundsiedlung der Schweiz. Die Herausgeberinnen des Buchs ‹Frauen leben im Neubühl› nennen sie «ein herausragendes architektonisches Beispiel der schweizerischen Architektur-Avantgarde des 20. Jahrhunderts». Ihre Publikation legt den Fokus auf die Erfahrung der Bewohnerinnen. Denn die Rollenbilder waren dazumal und in den folgenden Jahrzehnten klassisch: Geplant wurden die Gebäude von Männern, zuhause waren vor allem die Frauen. In ausführlichen Porträts stellt die Publikation acht Frauen vor. Sie erzählen, wie sie die Siedlung, den Aussenraum und ihre Wohnung erleben und erlebt haben.
Die Recherche sei schwierig gewesen, erklärt die Herausgeberschaft, weil in den Archiven nur ihre Ehemänner aufgeführt seien. Bis in die 1970er Jahre hätten nur wenige alleinstehende Frauen in der Siedlung gewohnt und unverheiratete Menschen durften im Kanton Zürich bis 1972 aufgrund des Konkubinatsverbots nicht zusammen wohnen. So erfährt der Leser zum einen historisch und gesellschaftlich Relevantes. Realitäten, die erst erstaunlich kürzlich vergangen sind und nachwirken oder einfach immer noch präsent sind.
Zum andern vertieft sich das Buch aus der Perspektive der Neubühl-Frauen in den architektonischen Diskurs. Drei längere Essays diskutieren, wie sich der in der Siedlung umgesetzte Wohnungsbau bewährt hat. Architekturprofessorin Ulrike Schröers fragt nach der Bedeutung des Typus im Wohnungsbau und den Beitrag der Siedlung Neubühl zu dieser Debatte, Nina Hüppi beleuchtet in ‹Neues Bauen, neues Kochen?› die Küchengestaltung im Neubühl, und Henriette Lutz widmet sich mit ihrem Beitrag der Methodik und Bedeutung von Bewohner*inneninterviews in der Architekturlehre und -praxis.
Was er in diesen Essays lernt, findet der Leser in den Porträts wieder. Sie zeigen, dass sich die architektonische Qualität der Siedlung vor allem denen offenbart, die sich tagsüber darin aufhalten. Die Lichtverhältnisse in ihrer Wohnung seien einfach fantastisch, meint eine der Porträtierten, «und machen mich sehr glücklich.»
Neben Geschichte und Geschichten hat das Buch eine aktuelle Mission: «Die Bedürfnisse der Bewohnenden sind viel zu oft nur ein Nebenschauplatz für Architekt*innen beim Entwerfen von Wohnraum», schreiben die Herausgeberinnen. Welche Bedeutung haben Alter, Sozialisation und unterschiedliche Lebenswege für das Wohnen? «Gerade praktizierende Architekt*innen sollten sich für diese Fragen aus dem Buch interessieren, um sich der Wirkungsmacht von Architektur für ein gutes, generationenübergreifendes Wohnen aus der Perspektive der Nutzer*innen anzunähern.»
Frauen leben im Neubühl
Vom Wohnen in einer Ikone. Sandra König, Henriette Lutz, Ulrike Schröer (Hgg.), Jovis 2025. Bestellen bei Hochparterre Bücher