Schütt durchackerte alles Material aus den Archiven und redete mit allen Überlebenden, schreibt der Stadtwanderer.

Die Maxlast

Mit Max Frisch hatte Benedikt Loderer Mühe. Doch vor kurzem hatte er ein Erweckungserlebnis: Er las das Tagebuch 1946-1949 und die neue Biographie von Julian Schütt. Seither ist er ein neualter Frisch-Leser.

Im März 2007, nachdem ich den Film ‘Max Frisch Citoyen’ von Matthias von Gunten gesehen hatte, schrieb ich: «Was ist die Verantwortung des Schriftstellers gegenüber der Gesellschaft? Das Feuilleton antwortet mit einer Verlustmeldung, der Film soll eine Medizin dagegen sei. Doch auf mich wirkt diese Arznei wutsteigernd. Die Wut auf Papas Schweiz, den Verdrängerstaat, den Fichenstaat, den Trittbrettfahrerstaat. Die Schweizerische Fussgängerarmee kriegt seltsam viel Platz im Film und ich merke: Der Film hat zwei Kapitel: Krieg und kalter Krieg. Den Citoyen sieht man selten auf der Leinwand, nur ganz am Schluss bei der resignativen Dochnichtresignation in Solothurn ist er leibhaftig dabei. Mich gefragt: Wie ist das mit Frisch und mir? Ich las so ab 22 erst ‘Homo Faber’, das Thema ging mich nichts an. Die Stücke wie ‘Die chinesische Mauer’ fand ich unterhaltsam, ‘Stiller’ war das erste Buch, das mich bewegte. Doch verstand ich diesen komischen Bildhauer nicht, der kein Schweizer sein wollte. Was denn sonst? ‘Gantenbein’ las ich als Szenen einer Ehe, ‘Biographie’ nicht, doch mein Vater sagte. ‘Ja, ist es nicht schicksalhaft (sein Wort), wen man trifft?’ (Er dachte an seine Frau.) Ich blieb betriebsblind, glaubte mein eigenes steuern zu können.


Dann kam nach 1970 eine lange Pause. Frisch war zum von links beleuchteten Denkmal geworden. Unser Onkel Max. Ein Raisonneur. Erst mit ‘Holozän’ kam der Wiedereinstieg, Herr Geiser war einer meiner entfernten Verwandten. ‘Montauk’? all diese Vergangenheitsbewältigung ging mich nichts an. Wann las ich zum letzten Mal Frisch? ‘Palaver’ ja. Zur Armeeabschaffung habe ich entschlossen ja gestimmt.»Zusammenfassend gestern noch: Max Frisch, gönd’s mer äwäg! Das Gebarme! Ich hatte ihn hinter mir.


Doch da stand vor zwei Wochen im öffentlichen Büchertauschschrank «Tagebuch 1946-1949». Mich stach der Hafer und nahm’s mit. Begann zu lesen und der Text saugte mich ein. Da geht ein Verschonter durch das zerstörte Europa und macht sich und schreibt Gedanken. Doch zuerst schaut er genau hin, vivisécteur. Nüchtern ist er, weit weg vom leise tosenden Getue der Selbstrechtfertiger. Der kalte Krieg schuf seine eigenen Migranten. Einer hiess Max Frisch. Das Tagebuch ist das Protokoll von Genauigkeit und Seele. Ich hab’s in einem Zug gelesen und sprach dann zu mir: Lieber Max, ich muss Abbitte leisten. Du warst schon gross als ich noch ganz klein war, vor allem klüger, scharfsinniger und bist es geblieben. Bis heute. Er knurrte zurück: Du sollst dir kein Bildnis machen.


Es folgte der zweite Band der grossen Biographie  von Julian Schütt. Den ersten las ich vor 25 Jahren. Da hat einer seine Kärrnerarbeit gründlich gemacht. Schütt durchackerte alles Material aus den Archiven und redete mit allen Überlebenden. Er erzählt schön chronologisch ein Leben. Nüchtern und fussnotengenau. Es ist das Bild eines Schwierigen, das er da malt. Unstetig, suchend, nie angekommen. Sein Umgang mit seinen Frauen ist, ich sag mal freudlos, quälend, nie gelöst. Ich entrüste mich nicht über Ingeborg Bachmanns Schicksal. Lesend folgte ich dem Fortschreiten des gepflegten Leidens. Von 1955 bis 1991 dauert die Geschichte. Sie ist auch ein Teil der meinen. Andersherum, ich bin von Ferne als Zeitungsleser dabei gewesen. ‘Tell für die Schule’ zur Illustration: Wie konnte sich die Aktivdienstler und ihre Söhne im Geiste doch aufregen! Das hat mich mehr amüsiert als das Buch.


Vivisécteur, ja das Leben und das Werk werden seziert. Im Detail auf 575 Seiten. Mit hätten 300 auch gereicht. Schütt lässt nichts aus. Er schreibt so endgültig, dass niemand nach ihm noch eine Frisch-Biografie schreiben kann, es sei denn, den Anti-Schütt. Die Fakten sind aufgereiht, die Quellen offenbart, die Zeugen vernommen. Was mir noch bleibt ist: Frisch lesen. Der dritte Versuch wird der ergiebigste sein.

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