Die Entdeckung des architektonischen Raums
Niemand kennt ihn noch, doch August Schmarsow war der erste, der die Architektur als Raumgestalterin auffasste. Der Stadtwanderer hat seine Antrittsvorlesung gelesen.
Das ist ein wirklich elegantes Büchlein! Der Umschlag belegt mit blauem Kleisterpapier, der Lederrücken und die Eckverstärkung dünsten Geistesadel aus. Innen eine Widmung an den Vorbesitzer, ein Hermann Gilsau schenkte es 1912 seinem Kommilitonen Werner Noak «zur Erinnerung an das Winter-Semester», der Titel: «Das Wesen der architektonischen Schöpfung». In die Tiefe musst du steigen, soll sich dir das Wesen zeigen, weniger grundsätzlich macht’s der ordentliche Professor für Kunstgeschichte der Universität Leipzig, August Schmarsow (1853-1936) nicht. Ein kurzer Text, 29 Seiten, akademischer Ton von damals, Professorensound.
Diese Antrittsvorlesung vom 8. November 1893 fand Beachtung, die bis heute anhält. Warum? Weil Schmarsow «den Kern» suchte und fand. Was ist es, was die Architektur im Innersten zusammenhält? Das Pantheon in Rom, der Dom zu Köln, die Schneehütte des Eskimos, das Zelt des Nomaden, was verbindet sie? «Wo liegt die Einheit der schöpferischen Tätigkeit, der sie alle entsprungen sind und noch entspringen.» Schmarsow fragt nach dem Fundament der Baukunst, dem Wesen eben. Darüber hinaus geht es auch um die Rechtfertigung der Architektur gegen ihre Verächter, gegen die arroganten Besserwisser, die sie eine angewandte Kunst schimpfen, fern von jeder künstlerischen Freiheit, gefesselt vom Zweck, behindert durch die Materie, gedemütigt durch die Schwerkraft, eines aber ist die Architektur sicher nicht: frei.
Nach einem kurzen Ausflug in die Gesetze der menschlichen Wahrnehmung und der Betonung ihrer Abhängigkeit vom menschlichen Körper, kommt der Professor zur Sache. Er unterscheidet innen und aussen und stellt vom Katheder herab fest: «Jeder leiseste Versuch einer Raumumschliessung setzt zunächst in dem Subjekt die Vorstellung eines gewollten Raumausschnittes voraus, und damit kommen wir auf die letzte Voraussetzung, die Anlage zu der Anschauungsform, die wir Raum nennen.» Hören Sie den Bildungston? Ich übersetze: Der Raum entsteht im Kopf des Architekten.
Jetzt ist er angekommen, er hat den Kern: «Raumgefühl und Raumphantasie drängen zur Raumgestaltung und suchen ihre Befriedigung in einer Kunst; wir nennen sie Architektur und können sie deutsch kurzweg als Raumgestalterin bezeichnen.» Voilà, Architektur ist Raumgestaltung. Das dünkt uns heutzutage eine magere Erkenntnis, doch damals steckte Herr Professor Schmarsow der kunstgeschichtlichen Gemeinde ein Licht auf. Nicht der Gänsemarsch der Stile, nicht Stütze und Last, nicht Vignolas Säulenkanon, nicht Hülle und Kern, nein der Raum ist’s, was die Architektur ausmacht. Sie als Raumgestalterin «schafft ihr Eigenstes, das keine andere Kunst zu leisten vermag, die Umschliessung unserer selbst.» Schmarsow ist nicht der Erfinder des architektonischen Raums, er ist sein Entdecker.
Es war anschliessend nur noch ein Schritt zum Konzept von Masse und Raum oder Hohl und Voll. E.A. Brinckmann hatte Schmarsows Vorlesung genau studiert. Sein Buch «Plastik und Raum als Grundformen künstlerischen Gestaltung» erschien 1924 und fasste zusammen, was bei Schmarsow begann und über Hildebrand, Wölfflin und Rieger zu ihm gekommen war. Was wir heute als selbstverständlich ansehen, Raumgestaltung, das ist die Grundlagen der Moderne, was aber die Professoren keineswegs voraussahen. Wenn Le Corbusier sagen wird, dass ein Projekt wie eine Seifenblase von innen heraus wachsen müsse, dann hat er nicht Schmarsow gelesen, seine Forderung der Architektur als Raumgestalterin aber erfüllt er getreulich. Jedem Architekturstudenten wird ganz am Anfang beigebracht, wie Hohl und Voll zusammenwirken.
Sicher, um 1890 lag das in der Luft. August Schmarsow hat es als erster der akademischen Welt doziert und in der Folge auch uns.
Schmarsow, August: Das Wesen der architektonischen Schöpfung. Karl W. Heirsemann, Leipzig 1993. Gekauft 1991 im Antiquariat Zähringer «nach jahrelanger Suche», Fr. 35.-
A.E. Brinckmann: Plastik und Raum als Grundformen der künstlerischen Gestaltung. R. Pieper & Co Verlag, zweite, erweiterte Auflage, München 1924. Gekauft 1988 im Antiquariat Müller & Graef, Stuttgart.