In der Schweiz ist Hans-Peter Bärtschi der Erfinder der Industriearchäologie. Vor ihm gab’s nur Denkmalpflege, schreibt der Stadtwanderer.

Die beiden Bärtschis

Es gibt zwei Bärtschi, den Mann der Industriekultur und den Maoisten. Die beiden passen kaum zusammen. Das hat Benedikt Loderer bei der Lektüre von «Hans-Peter Bärtschi Rebell und Bewahrer» herausgefunden.

Die Klassenlage stimmt. Der Vater Bauernsohn und Depotchef der Brauerei Haldengut, die Mutter Verkäuferin – eine lupenreine proletarische Herkunft, die der Maoist später auch gerne betonte. Doch schon sein Eintritt in die Pfadfinderabteilung Waldmann macht ihn zum Rechtabweichler. Dass Hans-Peter Bärtschi (1950-2022) ins Gymnasium geht, zeigt, was für ein heller Kopf er war, und dass es dort auch Arbeiterkinder gibt. Die Pfadfinderei ist wichtiger als die Schule und «Storch» wird ein charismatischer Pfadfinderführer. Eigentlich eine bürgerliche Zusammenrottung, die er aber schrittweise auf die linke, ja radikale Spur lenkte. Seine Mitstreiter von damals werden ihn ein Leben lang begleiten. Logo: «Der Pfadfinder ist ein guter Kamerad» steht im vierten Pfadfindergesetz. «Storch» war erfindungsstark und mitreissend. Von seinen Übungen erzählte man sich lange noch in Winterthur. Die Entführung des Stadtpräsidenten Widmer zum Beispiel.


Bärtschi studiert Architektur, weniger aus Neigung, mehr weil er gut zeichnen konnte. Er wird Rossianer, vor allem aber politisiert. Er war Geschäftsführer der Architektura, der ‘Gewerkschaft’ der Architekturstudenten. Da traf ich ihn zum ersten Mal. Vor mir stand ein schmaler, dunkler Mann, intensiv und selbstsicher. Um den Bauch hatte er keinen Gürtel, sondern einen Strick gebunden. Das franziskanische Armutsideal stand vor mir. Er war damals bereits bei den Maoisten KPS/ML, eine harte Schule, die neben der Armut auch den Gehorsam einforderte. Was sagen die Jungen Falken? Die Partei, die Partei die hat immer recht!


Bärtschi macht sein Diplom 1976 mit einer Arbeit zur Kaserne Zürich, eines der ersten Gruppendiplome: Bärtschi, Schwarzwald, Zulauf. Es ist Rossis Permanenz, die aus dem Projekt leuchtet, doch heute ist’s Substanzwahrung avant la lettre. Kaserne und Zeughäuser blieben stehen und wurden mit zwei Zeilenbauten sorgfältig ergänzt. Einfühlsam. Bärtschi arbeitete anschliessend fürs gta und die städtische Denkmalpflege. Sein erstes Gutachten befasste sich mit dem Schlachthof Zürich. Der frischgebackene Architekt steigt von Anfang an ins Erhaltungsgeschäft ein. Daneben und gleichzeitig leistet Parteiarbeit, verkauft das Magazin «Oktober» frühmorgens vor den Toren der Sulzer-Fabriken, reist nach China und nach Albanien, heiratet sogar. Er hat auch Zeit bei Paul Hofer eine Dissertation zu schreiben: «Industrialisierung, Eisenbahnschlachten und Städtebau». Das Buch erscheint 1983. Wer sich mit Zürich West beschäftigt, kommt heute noch nicht darum herum. Was Sammelfleiss und intellektuelle Säure leisten können, das kann man dort nachlesen.


Er gründet seine eigene Firma «Arias», die er, unterstützt von seiner Frau Sylvia Baumann, als Einzelkämpfer führt. Er ist unterdessen ein kleinbürgerlicher Unternehmer geworden, ein von der Partei offiziell verachtetes Wesen und gleichzeitig ein disziplinierter, gehorsamer Parteisoldat. Das allerdings mit wachsendem Unbehagen. Arias lebt von öffentlichen Aufträgen, namentlich von Gutachten, daneben ist Bärtschi Reiseführer, Stadtwanderer, Kursleiter, Ausstellungsmacher, Industriepfaderfinder, Kommissionsmitglied, Behördenberater, Vereinsgründer, Fotograf, Sammler, zusammenfassend: Er häuft Wissen an und vermittelt es. Industrie ist Kultur ist er überzeugt. In der Schweiz ist Hans-Peter Bärtschi der Erfinder der Industriearchäologie. Vor ihm gab’s nur Denkmalpflege. Sein Durchbruch heisst Winti Nova. Burckhardt Partner stellte um 1990 eine Studie zum Sulzer-Stammareal vor, die Tabula rasa machte und den Protest Bätschis und der Winterthurer Architekten in Betrieb setzte. Die Hartnäckigkeit lohnte sich und die Immobilienkrise half. Das Stammareal ist heute ähnlich überbaut, wie es Bärtschi in seinem Inventar von 1989 vorgeschlagen hatte.


Besonders erwähnen muss ich die Nagli, die Nagelfabrik an der St. Gallerstrasse in Winterthur. Bärtschi gelang es, die Fabrik funktionstüchtig zu erhalten, obwohl sie ursprünglich zum Abbruch verurteilt war. Heute kann man ein Industriedenkmal an der Arbeit besichtigen. Bärtschi lieferte das Wissen, die Begründung und leistete vor allem die Überzeugungsarbeit. Die Nagli ist sein Denkmal. 


2008 veröffentlichte er «Der Osten war rot», seine Abrechnung mit der maoistischen Vergangenheit, eine gepresste Lebensbeichte. Ich las sie mit Beklemmung. Nie hatte ich verstanden, wie der jugendliche Rebell zum erwachsenen Hörigen werden konnte. Ein Geheimnis des Glaubens. 


Er hat sich stets zurückgesetzt gefühlt und sich beklagt, er, ein Doktor der technischen Wissenschaften und dipl. Arch ETH, verdiene so wenig wie eine Putzfrau. Immerhin, er fand auch Anerkennung, erhielt 2008 den Kulturpreis der Stadt Winterthur und später den Landis & Gyr-Preis, 100 000 Franken, die er in die Inventarisierung seiner Fotosammlung investierte. Sie umfasst 253 945 Bilder und ist heute im Bildarchiv E-Pics der ETH für jedermann einsehbar.

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