Der Geometrieingenieur
«Die Liebe zur Geometrie» stellt Urs Beat Roth – Architekt, Forscher, Tüftler – beziehungsweise sein Lebenswerk vor. Benedikt Loderer hat das Buch der berechenbaren Wunder gelesen.
Ich gestehe, während der Lektüre und erst recht hinterher, habe ich mich geschämt. Ich, der sich einbildet, ein räumliches Vorstellungsvermögen zu haben, stehe nackt und bloss neben Urs Beat Roth (*1946). Der hat seine geometrischen Studien in ein Buch gepackt. Ich genoss den Anschauungsunterricht in praktischer Geometrie und fühlte mich ganz klein. Das kommt wohl daher, dass ich ihn beneide. Dieser bärtige, zurückhaltende, kleine Mann, den ich nur oberflächlich kenne, baute in sechzig Jahren ein Gedanken-Werk auf. In seinem schmalen Kopf hat die Welt Platz, will sagen ein räumliches Denken. Das zielt nicht aufs Abstrakte, Geometrie für die Hohepriester der Abstraktion, nein, Roth ist ein Praktiker. Sein Atelier für konkrete Kunst muss mit Werkstatt für angewandte Geometrie übersetzt werden. Konkret heisst umgesetzt und gebaut. Ich sah die Anwendung zum ersten Mal im Musiksaal des Stadthauses in Zürich. Dort hat Roth ein hölzernes Lüftungsgitter entworfen. Ich sass im Saal und achtete erst auf die Darbietung, doch dann blieb ich am Gitter hängen. So ein Meter hoch, den ganzen Saal umlaufend, Brüstung hätte man das früher genannt. Doch die Schlinglinien, denen meine Augen folgten, wollten keinen Rapport ergeben, ich konnte die Regel nicht knacken. Alles war regelgerecht und trotzdem nicht regelmässig. Kurz, Roth entdeckt das Bildungsgesetz, doch er versteckt es sorgfältig. Es braucht viel Wissen und Geduld ihm auf die Schliche zu kommen.
Die Kuppel in der Fischerstube am Zürichhorn, da war ich schon gewarnt, denn ich hatte darüber gelesen. Im Grundriss ein Rechteck 4 zu 5, darüber eine Stabkonstruktion aus Dreiecken. Auch hier fand ich das Bildungsgesetz der Kuppel nicht heraus. Doch tut sie ihren Dienst, sie wirkt als heller Vorhang, der die Installationen im dunklen Dachraum abschirmt. Die Treppen der Hardbrücke bin ich hinaufgegangen und habe nur die feinen Betonrippen der Untersicht bemerkt. Dass es sich um eine Regelfläche einer logarithmischen Spirale handelte, ging an mir vorbei. Elegant sind diese Treppen, ich muss nicht wissen warum.
Wenn ich hier drei architektonisch-praktische Beispiele aus den vielen Zeichnungen und Modellen herausgreife, dann darum, weil mich die Zusammenarbeit der Architekten mit Roth besonders interessiert. Roth hat an der ETH Architektur studiert und war auch als Architekt unterwegs, bevor er sich ganz der Geometrie verschrieb. «Ich spreche die Sprache der Architekten und Ingenieure, verstehe ihre Anliegen und kann auf Augenhöhe mit ihnen zusammenarbeiten», sagt er im einleitenden Interview, das seinen Werdegang umreisst. Pfister Schiess Tropeano waren die Architekten beim Stadthaus, Patrick Thurston in der Fischerstube, Martin und Elisabeth Boesch bei der Hardbrücke, um nur die zu nennen.
Kunst entsteht da, wo höchste Leidenschaft und äusserster Genauigkeit zusammenwirken. Da ist es, was mir aus diesem Buch entgegen leuchtet.
PS: Maulen muss ich doch. Dass es ein Überformat von 23 auf 33 Zentimetern braucht, meinetwegen, allerdings ist das Buch nur auf einem Tisch zu lesen. Warum die Überschriften so klein sind, leuchtet mir nicht ein. Die eingestreuten roten Schriften habe zu wenig Kontrast für meine alten Augen. Warum der Schutzumschlag, der eine der hinreissenden Zeichnungen Roths zeigt, aus hauchdünnem Papier besteht, verstehe ich nicht. Liest man den grossen Band, so beschädigt man notwendigerweise den Schutzumschlag, was den Bücherfreund reut.
Nicolet, Laurent (Hrsg.): Die Liebe zur Geometrie. Urs B. Roth. Scheidegger & Spiess, Zürich 2025. Hier bei Hochparterre Bücher für 65 Franken kaufen.