Alter Wein in alten Schläuchen
Thema: Der Niedergang. Des ungarischen Adels diesmal. Geschrieben vom neuen Thomas Mann. «Lázár» von Nelio Biedermann – ein literarisches Ereignis, frohlockt das Feuilleton. Der Stadtwanderer bleibt kühl.
Der Jubel toste. Nelio Biedermann ist die Entdeckung der Saison. Sein Roman «Lázár» kündigt einen neuen Dichter an, einen zwanzigjährigen Schweizer aus Thalwil, der angesagte Schriftsteller der nächsten Generation. Noch bevor ich das Buch gelesen hatte, dachte ich: Blütenstaubzimmer. Wer kennt Zoë Jenny noch?
Ich las und war fasziniert. Schreiben kann er. Erzählen auch. Darüber Nachdenken ebenso: «Schreiben ist Konservieren, Festhalten, Ordnen, das Glück aber meidet die Sprache, entzieht sich den Wörtern, versteckt sich in der Vergangenheit und zerfällt, wenn man es zu erklären versucht.» Ich hörte einem Schreiber zu, der über den Dingen steht, eine allwissende, kühle Autorität. Sie berichtet mir von der ungarischen Adelsfamilie derer von Lázár, drei Generationen lang, der Abwärtspfad nimmt seinen Lauf. Modell Buddenbrook.
Doch da stock ich schon. Noch eine Adelsgeschichte? Eine ungarische zumal, die vor dem ersten Weltkrieg einsetzt, mit einem Waldschloss, bewohnt von Sonderlingen, beginnt und mit Schicksalsschlägen ausgestattet ist. Ein Aufbäumen folgt in der Zwischenkriegszeit, doch schuldlos kommt niemand durch den zweiten Krieg und gleich ins kommunistische Ungarn, wo nun statt des Reichsverwesers Horthy die Kommunisten regieren, die den Adel enteignen. Es blieb nur die Flucht in die Schweiz. Die vierte Generation, die hierzulande lebte, kommt nur ganz flüchtig vor, wem es gut geht, der passt nicht in den Verlustbeschrieb.
Doch mich hätten die verbürgerlichten Lázár durchaus interessiert, die Probe aufs schweizerische Exempel fehlt. Kurz, ich las einmal mehr eine Sehnsuchtsgeschichte, ein junger Mann, der ironischerweise Biedermann heisst, schreibt einen Roman, keine Chronik. Aus Familiensagen und mit Vorstellungskraft konstruiert er seine Vorfahren. Eine Geschichte des verarmten Landadels mehr. Haben wir das nicht unterdessen hinter uns?
Die Konstruktion ist gut gemacht, sauber am Faden der Jahre aufgereiht, treffe ich auf eine eigentlich sehr konventionelle Erzählweise, was mir Lesearbeit erleichtert und so zum Erfolg des Buchs beiträgt. Gottseidank, ein lesbarer Roman. Was ist es aber, das mich Weiterlesen lässt? Es ist die Sprache. Ist sie auch konventionell, ein gehobener Ton, salonfähig hiess das früher, so reisst sie doch mit.
Ich las um des Lesens willen. Sass im Waldschloss am Feuer und hörte der Erzählstimme zu, mehr der Melodie, weniger dem Inhalt. Ich war in eine Tonwolke eingehüllt, badete im Sprachfluss. Ja, das ist grosses Können, mit alten Instrumenten, konventionelle Melodien zu spielen, auf die jeder hört. Ich jedenfalls, höre das Altmodische gern.
Nelio Biedermann: Lazar. Rohwolt, Berlin 2025. Für 34 Franken hier bei Hochparterre Bücher bestellen.