Die Architekten Gregor Kamplade und Sascha Mathis bei ihrer Präsentation vor 100 nicht-anwesenden Zuschauern. Fotos: Gianfranco Rosetti
Im Auftrag von Ziegelindustrie Schweiz

Tragend und dämmend zugleich

Aus dem ‹Brownbag-Lunch› der Schweizer Baumuster-Centrale machte Corona das Online-Format ‹Konkret am Mittag›. In der ersten Ausgabe im Fokus: ein Haus aus Einsteinmauerwerk und Dämmbeton.

Sie heissen Porotherm und Unipor, Monobrick und Thermocellit und auch ein Capo ist dabei. Aufgereiht stehen 10 Grossblocksteine auf den Sockeln der Schweizer Baumuster-Centrale SBCZ in der Weberstrasse in Zürich. Einem Backsteinbau, notabene. Hergestellt werden die Steine in 20 Schweizer Ziegeleien von Bardonnex bis Istighofen, aus heimischen Rohstoffen, mit kurzen Transportwegen und Ansprechpartnern vor Ort, wie uns ein Intro-Film erklärt. Er eröffnet die Begleitveranstaltung zur Ausstellung ‹Einsteinmauerwerk› von Ziegelindustrie Schweiz. Coronabedingt findet die Veranstaltung am Donnerstag im Youtube-Kanal der SBCZ statt. Auch wenn es diesmal keinen braunen Lunchsack gibt – es ‹kamen› trotzdem über 100 Gäste.

Zehn unterschiedliche Arten von Einsteinmauerwerk: die Ausstellung von Ziegelindustrie Schweiz.

Manche der Grossblocksteine sind mit Dämmmaterial gefüllt, andere nicht.

Exemplarisches Projekt ist diesmal ein Wohnhaus in Zürich-Wollishofen. Die beiden Architekten, Sascha Mathis und Gregor Kamplade (Mathis Kamplade Architekten), sowie der Bauingenieur Carlo Bianchi (Synaxis) stellen es vor. Typologisches Vorbild ihres Mehrfamilienhauses sind die Villen im Quartier respektive die Stadtvillen in anderen Teilen der Stadt: Häuser, die sich weniger zur Strasse hin orientieren, als zu Garten und Landschaft; solide, stattliche Häuser.

Ein Wohnhaus in Zürich-Wollishofen von Mathis Kamplade Architekten dient als Anschauungsobjekt.

Hört man der Schilderung von Gregor Kamplade zu, wird klar, warum Architekten auf Einsteinmauerwerk setzen: Eine Wand besteht aus Steinen und Verputz, fertig. Monolithisch kann sie die Wärmedämmung ebenso lösen wie Raumklima, Brandschutz und Erdbebensicherheit. Keine Schichtung, keine Dilatationsfugen, kein hohles Klopfen. Kamplade: «Eine Mauer ist eine Mauer.» Das ist so, weil Einsteinmauerwerk gleichzeitig trägt und dämmt. Die gelochten Steine haben viele Lufteinschlüsse, manche sind zusätzlich mit mineralischem Dämmmaterial gefüllt oder sogar mit Schafwolle. So erzielen sie Lambda-Werte von bis zu 0.061 W/mK.

Die Fenstergewände aus Dämmbeton werden auf der Baustelle gegossen und sind aussen ebenso sichtbar wie innen.

Attikageschoss

1. Obergeschoss

Laut dem Architekten lässt die im Quartier erlaubte Gebäudehöhe die Häuser gedrungen wirken. Um dem entgegenzuwirken, sollen die Fassaden vertikal erscheinen und die Fensterleibungen kräftig. Dafür wählten die Architekten Dämmbeton, ein Material, das sich gut mit dem Einsteinmauerwerk kombinieren lässt und auch Bauingenieur Carlo Bianchi überzeugt. Das Ergebnis: «Dämmung als Ausdruck», ein Tragwerk, das man sieht und nicht kaschieren muss. Die Fenstergewände sind gleichzeitig Stützen und werden auf der Baustelle gegossen. Sie verbinden sich mit den Betondecken und sind aussen ebenso sichtbar wie innen. Gegenüber diesen kräftigen und roh erscheinenden Betonstützen bilden die direkt angeschlagenen, schmalen Fensterprofile aus geöltem Eichenholz und die elegant-dunklen Natursteinplatten einen schönen Kontrast. In den oberen Geschossen werden die Öffnungen grösser, die Aussenwände durchlässiger. Ganz oben, in der grossen Attikawohnung, schliesst der Beton als Balken die Wände oben ab.

Fassadenschnitt in Wand, Stütze und Fenster.

Horizontalschnitt durch ein Fenster.

Eine bestechend einfache Konstruktion. Die dann aber doch anspruchsvoller umzusetzen ist, als man denkt, erläutert Bianchi. Denn dort, wo die Betondecken in der 40 Zentimeter breiten Aussenwand stecken, muss ein mineralischer Dämmstreifen eine Wärmebrücke verhindern. Um ein Ausscheren zu vermeiden, leitet ein Auflager das Deckengewicht in die Mitte der porösen Steine und Stützen. Über der Decke trennt ein ‹Schalldämmlager› dieselbe vom aufgehenden Mauerwerk, damit sich keine Schwingungen zwischen den Wohnungen übertragen. Gleiches gilt auch für die Stützen aus Dämmbeton, dessen Festigkeit der des Mauerwerks ähnelt. Mit solchen anspruchsvollen Details wissen Architekten und Bauingenieur die Herausforderungen zu meistern.

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