Ein Hochhaus mit «industrietauglichem Fassadenkleid» in Horw. Fotos: PREFA / SBCZ
Im Auftrag von PREFA Schweiz

Ein robustes Glitzerkleid

18'300 schillernde Aluminiumrauten der Firma PREFA überziehen das «Hohe Haus» in Horw von Tilla Theus. Welche Vorzüge die edle Hülle neben ihrer Schönheit noch besitzt, erfuhr man am Brownbag-Lunch.

Ein ungleiches Referentenduo empfängt die trotz sommerlichen Wetters zahlreichen Besucherinnen und Besucher des Brownbag-Lunch zum Thema «Diagonale Schuppung». Elmar Schilter, Spenglermeister und Geschäftsführer von PREFA Schweiz berichtet gemeinsam mit Tilla Theus, der Grand Dame der Zürcher Architektur, über die Fassade des Hohen Hauses in Horw.
Der 44 Meter hohe Wohnturm mit Verkaufs- und Dienstleistungsflächen im Sockel steht seit letztem Jahr am Gemeindehausplatz. Er ist das erste von drei Hochhäusern, die künftig die Mitte der Luzerner Agglomerationsgemeinde markieren sollen. Tilla Theus und Partner Architekten entwarfen ihn als schlanken Solitär mit trapezförmigem Grundriss, Satteldach und kräftig durchgeschüttelten Fenstern. Das Auffälligste an «ihrem kleinen Hochhaus», wie die Architektin es liebevoll nennt, ist jedoch sein extravagantes Schuppenkleid aus matt glänzenden Aluminiumrauten.

Elmar Schilter reist in die Blechwelt.

Aluminium, das merkt man schnell, ist Elmar Schilters Thema. Mit Elan, hochgekrempelten Ärmeln und unter Zuhilfenahme verschiedener Muster nimmt er das Publikum in den ersten zehn Minuten mit «auf eine Reise in die Blechwelt». Unterwegs präsentiert er die Dach- und Fassadensysteme von PREFA – der Name ist übrigens ein Akronym und steht für Press-Falz-Platte – und erklärt verschiedene Oberflächenbehandlungen. Für das Hohe Haus wünschten sich die Architekten ein natureloxiertes Blech. Im Gegensatz zum Lackieren, erklärt Schilter, handelt es sich beim Eloxieren um keine Beschichtung. Stattdessen werden die Bleche zur Veredelung in ein Säurebad getaucht und unter Strom gesetzt. Die Oberflächen werden dadurch elektrolytisch oxidiert, kurz: eloxiert. Beim heutigen Fallbeispiel eloxierte PREFA das Blech am Band. Anschliessend stanzte, falzte und bohrte der Hersteller im Werk die 44 mal 44 Zentimeter grossen, montagefertigen Rauten.

Tilla Theus reist nach Horw.

Die natureloxierte, also nicht zusätzlich gefärbte Raute produzierte PREFA erstmals für das kleine Hochhaus – auf Wunsch der Architektin, die das Publikum nun aus der technischen Blechwelt in die schillernde Welt des Textildesign führt. Aufgrund der hohen energetischen Anforderungen lägen heute nämlich bei Gebäudehüllen, wie bei unserer Bekleidung, funktionale und ästhetische Schichten übereinander, beginnt Theus mit gewählten Worten. Mit ihrer schnittigen Lederjacke fungiert sie gleich selbst als Anschauungsbeispiel. «Inspiriert durch Stoffkompositionen aus der Modewelt verfolge ich gerne die Idee vom Kleid zunehmend auch bei unseren architektonischen Entwürfen.» Als Beispiele nennt Theus die metallenen Netzfassaden ihrer Bauten für die FIFA und für den Internationalen Eishockeyverband, das Gemeindehaus Unterengstringen mit seiner ornamentalen Hülle aus gelaserten Aluminiumschindeln oder das Metallschuppenkleid des Restaurants auf dem Weisshorn in Arosa. Letzteres sei Haute Couture, erklärt die Architektin, da sei jede Schindel von Hand definiert. Ein Grossprojekt wie das Hochhaus in Horw benötige hingegen ein industrietaugliches Fassadenkleid.

1:1 Mock-Up der Fassade in der Baumuster-Centrale.

Ein streng serieller Ausdruck erschien den Architekten aber für das Wohnhochhaus unpassend: «Mit Fenstern wie Augen wollten wir deutlich machen, dass im Inneren kein Bürobetrieb herrscht, sondern Wohnen in seiner ganzen Vielfalt gelebt wird.» Die Öffnungen in ein Fassadenkleid aus Aluschuppen einzubetten, machte für Theus aus vielerlei Hinsicht Sinn: Die kleinteilige Fassade benötigt keine Dehnungsfugen, da die Rauten sich gegeneinander verschieben können. Sie ist langlebig, unterhaltsarm, einfach zu montieren, leicht und günstig. Am meisten freut sich die Architektin aber über den homogenen Ausdruck und das Lichtspiel auf der Oberfläche: «Wie ein leicht wallender, matt schimmernder Paillettenstoff.»Die Zeit für die Montage der edlen Hülle war mit drei Monaten sehr knapp, wie Elmar Schilter zum Abschluss erklärt. Deshalb und auch aus Brandschutzgründen kam beim Horwer Hochhaus nicht wie üblich eine vollflächige Unterkonstruktion zum Einsatz. Stattdessen wurden die 18'300 Pailletten, die übrigens auch das Dach bedecken, von unten nach oben auf eine eigens entwickelte Unterkonstruktion aus Strangpressprofilen geschraubt. Um Zeit und Material zu sparen, produzierte PREFA die Starterrauten – sozusagen den Saum des Kleides – im Werk. Vor allem die Fensteranschlüsse und Dachränder erforderten aber einige Anpassungen vor Ort. Zum Schluss mussten die Fassadenbauer noch die 18'300 Schutzfolien von den Rauten entfernen – und fertig war das Abendkleid.

Zwischen Vorträgen und Take-away-Brownbag: Publikum der SBCZ.

Die Dreiviertelstunde über Mittag war gehaltvoll und die Mischung aus Materialkunde, Konstruktionswissen und Architekturpoesie geglückt. Nur die Bäuche blieben leer und so stürzte sich manch einer zum Schluss statt auf die präsentierten Materialmuster lieber auf die braunen Sandwich-Tüten, die diesmal als pandemiekonforme Take-Away-Variante dargereicht wurden.

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