Neue Monumente am Horizont
Die Schweizer Kehrichtverwertungsanlagen wandeln sich zu komplexen Energiezentralen, die Stadt und Landschaft prägen. Was man über die grosse Infrastrukturaufgabe des 21. Jahrhunderts wissen muss.
In der Schweiz stehen derzeit 29 Kehrichtverwertungsanlagen (KVA). Manche stehen mitten in dicht besiedelten Stadtgebieten, andere in idyllischen Flusslandschaften oder am Fuss von hoch aufragenden Bergen, wieder andere in Industriegebieten der Agglomerationen. Die KVA-Landschaft ist also ein Spiegel der Schweizer Landschaft – und befindet sich im Umbruch. Der Erneuerungsbedarf ist gross. Viele Kehrichtverwertungsanlagen wurden in den 1960er- und 1970er-Jahren errichtet. Diese Bauten haben nun ihr Lebensende erreicht. Die Technik genügt den heutigen Ansprüchen nicht mehr, die elektromechanischen Komponenten sind veraltet und toxisch. Zudem stossen viele der älteren Anlagen an Kapazitätsgrenzen.

1 KVA Basel (IWB): Inbetriebnahme 1999, 2 KVA Bazenheid SG (ZAB): Inbetriebnahme 1976, 3 Energiezentrale Forsthaus, Bern (EWB): Inbetriebnahme 2012, 4 KVA Brügg BE (Müve Biel-Seeland): Inbetriebnahme 1967, 5 KVA Buchs AG (GEKAL): Inbetriebnahme 1973, 6 KVA Buchs SG (VFA): Inbetriebnahme 1962, Neubau geplant 2030–2034, 7 UVTD Colombier NE (VADEC): Inbetriebnahme 1971, 8 LEZ Dietikon ZH (LIMECO): Inbetriebnahme 1971, Neubau geplant 2025–2034, 9 KVA Hagenholz, Zürich (ERZ): Inbetriebnahme 1969, 10 KVA Gamsen VS (REVO): Inbetriebnahme 1972, 11 ICTR Giubiasco TI (ACR): Inbetriebnahme 2009, 12 KVA Hinwil ZH (KEZO): Inbetriebnahme 1963, Neubau geplant 2027–2030, 13 KVA Horgen ZH (EZI): Inbetriebnahme 1967, 14 UVTD La Chaux-de-Fonds NE (VADEC): Inbetriebnahme 1972, Neubau geplant 2027–2031, 15 UVTD Lausanne VD (TRIDEL): Inbetriebnahme 2006, 16 KVA Les Cheneviers GE (SIG): Inbetriebnahme 1996, 17 KVA Monthey GE (SATOM): Inbetriebnahme 1976, 18 KVA Linth, Niederurnen GL: Inbetriebnahme 1971, 19 KVO Oftringen (ERZO): Inbetriebnahme 1972, Neubau geplant 2027–2032, 20 KVA Perlen (Renergia): Inbetriebnahme 2015, 21 KVA Posieux FR (SAIDEF): Inbetriebnahme 2001, 22 KVA St. Gallen: Inbetriebnahme 1972, 23 KVA Thun BE (AVAG): Inbetriebnahme 2003, 24 KVA Trimmis GR (GEVAG): Inbetriebnahme 1975, 25 KVA Turgi AG: Inbetriebnahme 1970, 26 UVTD Uvrier VS (ENEVI): Inbetriebnahme 1971, 27 KVA Weinfelden TG: Inbetriebnahme 1996, Neubau geplant 2026–2031, 28 KVA Winterthur: Inbetriebnahme 1965, 29 KVA Emmenspitz SO (KENOVA): Inbetriebnahme 2025. Quelle: VBSA
Die schrittweise Erneuerung der Schweizer Kehrichtverwertungsanlagen hat bereits begonnen: Ein weitherum beachtetes Flaggschiff der neuen Generation von Anlagen ist die 2011 in Betrieb genommene Energiezentrale Forsthaus in Bern siehe ‹Das Pionierprojekt› Seite 8, die die KVA Warmbächli aus den 1950er-Jahren ersetzt hat. Es folgten neue Anlagen in Perlen siehe ‹Reptil im Rippenmantel›, Seite 10 und Zuchwil siehe ‹Monumentale Energiekathedrale›.
Noch immer aber sind gut zwei Drittel der Schweizer Kehrichtverwertungsanlagen älter als 30 Jahre. In den nächsten drei Jahrzehnten müssen diese erneuert werden. Es ist also kein Zufall, dass in regelmässigem Abstand neue Projekte am Horizont auftauchen: 2022 wurde der Studienauftrag für den Ersatzneubau der KVA Thurgau in Weinfelden durchgeführt siehe ‹Zwischen Himmel und Erde›, Seite 14, 2024 der Studienauftrag für das Limmattaler Energiezentrum LEZ in Dietikonsiehe ‹Generationenprojekt im Limmattal› 2025 der für die Kehrichtverwertung Zürcher Oberland KEZO in Hinwil. Dutzende mehr werden folgen.
Mehr Abfall, mehr Energie
All diesen Projekten gemeinsam sind erst einmal ihre beeindruckenden Dimensionen. Der Ersatzneubau der KVA Thurgau beispielsweise ist 170 Meter lang und über 50 Meter hoch; die alte KVA könnte im geplanten Neubau problemlos drei- bis viermal Platz finden. Was ist der Grund für solche Massstabssprünge? Die naheliegende Antwort ist keine falsche: In der Schweiz wird viel Abfall verbrannt. Vier Millionen Tonnen finden pro Jahr den Weg in die Kehrichtverwertungsanlage. Und die Menge steigt – parallel zum Wachstum der Bevölkerung, die gemäss dem mittleren Szenario des Bundesamts für Statistik bis 2055 um 1,4 Millionen Menschen anwachsen wird.
Die stetig steigende Abfallmenge ist aber nur die eine, sozusagen schmutzige Seite der Geschichte. Auf der anderen, freundlicheren Seite findet man eine immer effizientere Nutzung der Abfallverbrennung zur Gewinnung von Energie. Moderne KVA produzieren nicht mehr bloss Wärme, sondern wandeln diese auch in Strom und Gas um, sie verfügen über Speichervorrichtungen und zusätzliche Kraftwerke, um eine lückenlose Energieversorgung ganzer Regionen sicherzustellen.
Alle diese Vorrichtungen verlangen nach zusätzlichen Bauvolumen und tragen somit zur imposanten Grösse der neuen KVA bei. Dass die neuen Anlagen oft gar nicht mehr Kehrichtverwertungsanlagen, sondern Energiezentralen genannt werden wollen, ist Ausdruck dieser Fokusverlagerung von der Entsorgung zur Versorgung.
Ikonen der Nachhaltigkeit?
Die Energie, die von den neuen KVA zur Verfügung gestellt wird, gilt als nachhaltig und klimaneutral. Und die produzierte Energiemenge ist gross. So kann das geplante Limmattaler Energiezentrum LEZ sich zum Ziel setzen, das gesamte Limmattal zu dekarbonisieren, sprich: alle Haushalte mit CO₂-neutraler Wärme, sauberem Strom und grünem Gas zu versorgen. Nicht zu Unrecht spricht der Städteplaner und emeritierte ETH-Professor Kees Christiaanse in Bezug auf das Generationenbauwerk LEZ also von einer «Ikone der
Nachhaltigkeit».
Allerdings ist die Rede von der «klimaneutralen Energie» nur insofern korrekt, als die KVA-Abwärme laut Bundesamt für Umwelt nicht als Primärenergie gilt und deshalb als CO₂-neutral bezeichnet werden darf. Vereinfacht ausgedrückt: Die CO₂-Emissionen werden dort ausgewiesen, wo sie entstehen – nämlich bei der Verbrennung –, aber nicht bei Folgeprodukten wie Abwärme und Elektrizität. Oder noch einfacher: Die Wärme ist sowieso da. Sie zu nutzen, verursacht kein zusätzliches CO₂.
Das Verbrennen unserer Abfälle verursacht jedoch nach wie vor viel CO₂. Rund 5 Prozent der gesamtschweizerischen CO₂-Emissionen gehen auf das Konto der KVA. Gerade weil sie relevante Emittenten sind, sind sie auch prioritäre Kandidatinnen für Carbon Capture and Storage – eine sich schnell entwickelnde Technologie, die die Abscheidung und Speicherung von CO₂ erlaubt. Bund und Branche treiben
entsprechende Pilotprojekte voran, erste Testanlagen laufen bereits. Einem flächendeckenden Einsatz stehen allerdings noch Finanzierungs- und Logistikhürden entgegen. Sollte die CO₂-Abscheidung und -Speicherung jedoch Realität werden, wäre man dem Ideal der sauberen Energie einen Schritt näher gekommen.
Der Ruf nach Architektur
Relevant sind die neuen KVA aber nicht allein wegen ihrer Grösse oder der beeindruckenden Abfall- und Energiemengen, die sie verarbeiten. Relevant sind sie auch als öffentliche Infrastrukturbauwerke, die einen gesamtgesellschaftlichen Zweck erfüllen. Abfallentsorgung ist in der Schweiz eine öffentlich-rechtliche Aufgabe, entsprechend befinden sich die KVA im Besitz von Gemeinden, Gemeindeverbänden oder Kantonen. Es sind also öffentliche Bauwerke, die von der Gesellschaft für die Gesellschaft errichtet werden – vielleicht sind sie die Monumente des 21. Jahrhunderts.
Kombiniert man die gesellschaftliche Bedeutung der neuen KVA mit ihren immensen baulichen Dimensionen, scheint es selbstverständlich: Die Kehrichtverwertungsanlage – oder eben Energiezentrale – ist eine der wichtigsten architektonischen und städtebaulichen Aufgaben der Gegenwart. Für Christoph Rothenhöfer, der mit dem Planungs- und Ingenieurbüro TBF + Partner schon mehrere der neuen KVA-Projekte aufgegleist und begleitet hat, steht fest: Gerade weil viele Energiezentralen zentrumsnah und teilweise in sensiblem landschaftlichem oder urbanem Kontext liegen, können sie nicht einfach als funktionale Bauten entworfen werden. Vielmehr verlangen sie nach herausragender Architektur.
Dieser Artikel stammt aus dem Themenheft «Giganten des Abfalls. Die Schweizer Kehrichtverbrennungsanlagen werden zu weithin sichtbaren Energiezentralen – und fordern Architektur wie Städtebau heraus.»