«Ich nehme mir Zeit für jeden Schritt im Arbeitsprozess»: Gion Signorell in seinem Atelier in der Churer Altstadt. Fotos: Urs Walder

Der geduldige Zeichner

Im Rückspiegel erzählt Gion Signorell (76), wie er eine zeichnerische Ader entdeckte, die sein Schaffen als Architekt begleitete. Noch heute ist er beruflich aktiv und übt sich in der Reflexion – und im Warten.

Ich stamme aus einfachen Verhältnissen; Kunst spielte für meine Eltern eine untergeordnete Rolle. Bei uns hing eine Segantini-Reproduktion an der Wand, wie man sie in vielen Bündner Haushalten findet. Berührend waren für mich der Kirchenraum und die Rituale, die Musik, die ich dort erlebte. Das regte mich zu tiefem Nachdenken an.  Meine bevorzugte Ausdrucksform war und ist das Zeichnen. Nach der Hochbauzeichnerlehre vertiefte ich mein Fachverständnis beim Architekturstudium an der Höheren Technischen Lehranstalt. Besonders prägend war für mich die Sommerakademie in Salzburg 1979: Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Europa kamen zusammen, es war ein inspirierender, intensiver Austausch. Von Professor Hans Hollein erhielt ich Rückmeldungen zu meinen Zeichnungen. Das motivierte mich, diese Richtung weiterzuverfolgen. Holleins bivalentes Interesse an freier Kunst und Architektur war für mich wegweisend. Seither begleiten freie Arbeiten in Zeichnung und Plastik mein architektonisches Schaffen. Die selbständige Tätigkeit nahm ich 1984 auf, und bis 2018 erhielt ich wertvolle Unterstützung von zwei bis drei Mitarbeitenden. Um mich auf die Kernaufgaben konzentrieren zu können, lagerte ich Bauleitungs- und administrative Arbeiten wenn immer möglich aus. Die Nähe zu architektonischen Aufgaben ist mir wichtig. Ich nehme mir Zeit für jeden Schritt im Arbeitsprozess, für Zeichnungen und Modelle, für Gespräche mit Handwerkern und Bauherrinnen – besonders jedoch für Reflexion.  Warten ist die sorgfältigste Beschäftigung Ich habe das Privileg, noch immer im Berufsleben zu stehen. Einerseits ermuntert mich die Leidenschaft, dabeizubleiben. Andererseits habe ich mich, wie viele in meiner Generation, wenig um die Vorsorge im Alter gekümmert. Dafür habe ich mir immer die Freiheit genommen, Aufgaben zu hinterfragen und erst danach zu entscheiden, welche Aufträge i...
Der geduldige Zeichner

Im Rückspiegel erzählt Gion Signorell (76), wie er eine zeichnerische Ader entdeckte, die sein Schaffen als Architekt begleitete. Noch heute ist er beruflich aktiv und übt sich in der Reflexion – und im Warten.

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