Wie innovativ darf man wohnen?

Im Stadtzürcher Grosshaushalt «Karthago» leben 55 Bewohner gemeinsam auf verschiedenen Etagen. Wie die «NZZ» berichtet, wird das Bundesgericht nun überprüfen, ob ein schweizerisch-argentinisches Ehepaar hier eine Ehe im Sinne des Ausländerrechts führte – und wird damit entscheiden, wie andersartige Wohnformen rechtlich beurteilt werden.

Etwas seltsam ist es schon. Im Dichtestress fördert die Stadt Zürich eifrig den gemeinnützigen Wohnungsbau. Ein Drittel soll sein Anteil bis 2050 betragen. Natürlich sind viele dieser Wohnungen gewöhnlich geschnitten, eher kompakt und mit Belegungsvorschriften versehen. Die günstige Kostenmiete macht sie ausgesprochen beliebt. Daneben gibt es aber viele Experimente, die Flächen sparen und dem Pro-Kopf-Konsum von bald 50 Quadratmetern Wohnfläche gemeinschaftlichere Modelle entgegen setzen. Die Genossenschaft «Karthago» ist ein solcher Fall: 55 Menschen allen Alters leben in neun Wohngemeinschaften und geben sich an Vollversammlungen eigene Regeln. Ausser den eigenen Zimmern auf verschiedenen Etagen ist Vieles gemeinschaftlich – Grossküche, Gemeinschaftsraum, Hof, Dachgarten und Kellerräume.Dem Zürcher Verwaltungsgericht ist dies offenbar zu innovativ, wie ein heute in der «NZZ» kommentiertes Verdikt zeigt. Der Fall ist nicht ganz einfach: Ein Schweizer und eine Argentinierin hatten im Juni 2006 geheiratet und von Anfang an gemeinsam mit Kindern aus früheren Beziehungen im «Karthago» gelebt. Sie hatten sich um Zimmer auf gleicher Etage bemüht, diese jedoch nicht erhalten. 2011 zog der Schweizer zu seiner neuen Lebenspartnerin, 2013 wurde die Ehe geschieden und die Argentinierin blieb weiterhin in der Genossenschaft. Nun wurde ihr die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung verweigert mit Hinweis auf die gescheiterte Ehe. Das Leben im Karthago auf verschiedenen Etagen galt dem Gericht nicht als «eheliches Zusammenleben», das nach geltendem Ausländerrecht trotz Scheidung einen Anspruch auf Niederlassung begründen würde.Der Fall ist absurd: Zwar bekräftigt das Gericht, dass keine Scheinehe vorliege, wie es vom Migrationsamt noch behauptet wurde. Ein intaktes Eheleben sei dies aber auch nicht. Wohnen ist offenbar keine Privatsache und die «Karthago»-Bewohner erkl...
Wie innovativ darf man wohnen?

Im Stadtzürcher Grosshaushalt «Karthago» leben 55 Bewohner gemeinsam auf verschiedenen Etagen. Wie die «NZZ» berichtet, wird das Bundesgericht nun überprüfen, ob ein schweizerisch-argentinisches Ehepaar hier eine Ehe im Sinne des Ausländerrechts führte – und wird damit entscheiden, wie andersartige Wohnformen rechtlich beurteilt werden.

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