Das Museum für Moderne Kunst könnte ein Katalysator für die Entwicklung der Ödnis um den Kulturpalast sein. Zeichnung von Piotr Choynowski nach Leon Krier (1983)

Warschau: «Eine Blamage im europäischen Massstab»

Die Auflösung des Vertrags mit Christian Kerez zum Bau des Museums für Moderne Kunst schlägt in der polnischen Presse hohe Wellen. «Schande für die Stadt, Schande für Polen», schreibt zum Beispiel die «Gazeta Wyborcza».

Die Auflösung des Vertrags mit Christian Kerez zum Bau des Museums für Moderne Kunst schlägt hohe Wellen. «Schande für die Stadt, Schande für Polen», heisst es in der «Gazeta Wyborcza», und «Zycie Warszawy» schreibt von einer Blamage im europäischen Massstab. Blankes Unverständnis schlägt den Stadtbehörden dafür entgegen, dass sie den Vertrag mit Kerez aufgelöst haben – notabene über einen Monat vor einem vereinbarten Abgabetermin für die verbesserte Projektdokumentation. «Für diesen Fehler werden wir teuer bezahlen. Aus Polen einen bekannten Architekten mit einer Fünf-Millionen-Klage herauszuwerfen, das ist eine Blamage. Jeder ausländische Architekt wird sich darüber Gedanken machen, bevor er an irgendeinem Wettbewerb teilnimmt», schreibt Dorota Jarecka in der «Gazeta».

 

Schwache Argumente der Stadt

Wenig überzeugend war der Auftritt von Vize-Stadtpräsident Jacek Wojciechowicz gestern vor den Medien. Das Gebäude sei höher als 25 Meter und müsse aus feuerpolizeilichen Gründen umgeplant werden, und ausserdem sei die Theaterbühne zu niedrig, schob er als weitere Begründungen für die Vertragsauflösung nach. In Interviews widerlegte Christian Kerez beide Punkte: Diese kleinen Probleme seien längst gelöst.

In einem Communiqué nimmt der Architekt ausserdem Stellung zu den weiteren Vorwürfen. Insbesondere widerspricht er der Behauptung der Stadt, er habe in einem Brief mitgeteilt, am Projekt nicht weiterzuarbeiten. In dem Schreiben verlangte Kerez lediglich, dass die Stadt ihre offenen Fragen bis am 15. Mai klären müsse, damit die Architekten die Abgabefrist von Ende Juni einhalten könnten. «Anders als von der Stadt dargestellt, war dieser Brief also nicht eine Weigerung, die Arbeiten zu beenden, sondern ein unausweichlicher Schritt, um ihre Vollendung zu gewährleisten», schreibt Christian Kerez. Die Stadt habe laufend Leistungen verlangt, die gar nicht in seinem Vertrag enthalten sind, etwa die Planung der Infrastruktur im ganzen Gebiet rund um das Museum. Kerez weist auch Behauptungen zurück, wonach er zusätzliche Honorarforderungen gestellt habe: Er habe bloss die Bezahlung von ausstehenden Rechnungen verlangt, aber keine neuen gestellt. Allerdings habe er eine Zusammenstellung der Mehrkosten gemacht, die aufgrund von vertraglich nicht vereinbarten Leistungen entstanden seien. Diese Frage hätte sich aber gütlich regeln lassen, ist Kerez überzeugt.

 

Entscheidend ist der politische Wille – doch der fehlt

In «Zycie Warszawy» bringt es der frühere Stadtarchitekt Michal Borowski auf den Punkt: «Über den Erfolg eines Vorhabens entscheidet einzig der politische Wille. Machen wir uns nichts vor: Wenn die Stadtpräsidentin etwas will, dann macht sie es, und wenn nicht – dann endet es so wie gerade mit dem Kerez-Projekt.» Dorota Jarecka hat wohl recht, wenn sie schreibt: «Stadtpräsidentin Hanna Gronkiewicz-Waltz versteht nicht, was sie verliert. Sie weiss nicht, welche Hoffnungen das Projekt geweckt hat, wie viel es schon erreicht hat und was es Warschau und Polen schon gegeben hat.» Sie konstatiert: «Wir haben Behörden, die auf eigenen Wunsch, entgegen den Erwartungen der Bürger, das Projekt für das Museum für Moderne Kunst umgebracht haben.» Und der polnische Kulturminister – das Museum ist ein Gemeinschaftswerk von Stadt und Staat –, was macht der? Er schaut schon lange aus der Ferne zu, «und krümmt sich keinen Finger», stellt Dorota Jarecka resigniert fest.

 

Kommentare

Michal Krzywdziak 12.05.2012 11:26
Michal Borowski bringt es tatsächlich auf den Punkt: die Behörden und der Architekt mögen unfähig gewesen sein (dies wird jetzt das Gericht abwägen...), doch am Schluss ist der politische Wille entscheidend. Nun steht es meistens um diesen Willen schwierig, wenn ein Projekt vom Volk nicht angenommen und getragen wird. Und dies war eben in Warschau der Fall: Von Anfang an sprach man von einem skandalösen und enttäuschenden Wettbewerbs- bzw. Libeskinds-Entscheid, worüber in der Schweiz notabene nur sehr spärlich berichtet wurde. Dazu ein Anschauungsbeispiel: In einer direkten Demokratie werden solch ungewollte Vorhaben spätestens in einer Volksabstimmung „geschlachtet“ – man denke beispielsweise an Frau Hadids Schicksal in Basel: http://www.tagesschau.sf.tv/Hintergrund/Abstimmungen/Abstimmung-vom-17.-Juni-2007/Basel-Stadt In einer indirekten Demokratie hingegen wird von der Politik doch selten etwas getragen, was die Stimmen der Wähler kosten könnte. So wird nun neben dem, was niemand je wollte (Stalin’s „Geschenk“ – der Kulturpalast) doch nicht noch etwas entstehen, was die wenigsten so möchten...
Egon 12.05.2012 14:10
Michal, in Basel wurde aber demokratisch durch die Bevölkerung abgestimmt. In Warschau nicht. Bitte bemühen Sie nicht den Willen des Volkes, wenn dieses gar nicht gefragt wurde.
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Ich kann das Bild nicht lesen