Die Baustelle des Bahnhofs Stadelhofen vor genau dreissig Jahren, am 17. Februar 1989. Fotos: Werner Huber

Wachsam sein am Stadelhofen

Santiago Calatrava hat gegen den Wettbewerb für den Ausbau des Bahnhofs Stadelhofen geklagt; er fürchtet um sein Werk. Seine Angst ist verständlich. Doch kann man Calatrava nur mit Calatrava erweitern?

Santiago Calatrava sorgt sich um sein Frühwerk am Bahnhof Stadelhofen. Dieser soll tief im Berg drin um ein Gleis erweitert werden. Für diesen Ausbau haben die SBB einen Wettbewerb lanciert. Weil er um sein Werk und sein Urheberrecht fürchtet, geht Calatrava gerichtlich gegen diese Ausschreibung vor.

Das mutet seltsam an. Noch gibt es ja kein Projekt, das Calatravas Werk beeinträchtigen oder gar zerstören könnte. Ist es die Arroganz des Stararchitekten, die diese Beschwerde auslöste? Ist es die Hoffnung auf einen Auftrag mit Abkürzung? Oder ist es wirklich die Angst um das eigene Werk? Wie dem auch sei (vielleicht ist es von allem ein wenig), und wie immer das Gericht entscheiden wird: Santiago Calatravas Sorgen sind nicht unbegründet.

Ein Gleis war während der ganzen Bauzeit immer in Betrieb.

Anfang der 1980er-Jahre, als die perronlose zweigleisige Station Stadelhofen zum S-Bahnhof ausgebaut werden sollte, wollten die SBB einfach die bestehende Stützmauer der Hohen Promenade abbrechen, den Hügel teilweise abtragen und eine neue, deutlich höhere Mauer erstellen. Erst nach heftiger Opposition luden SBB, Stadt und Kanton Zürich 1982 acht Architekturbüros zu einem Projektauftrag ein.
Nach zwei Stufen stand das Team um Arnold und Vrendli Amsler als Gewinner fest. Mit Werner Rüeger sass darin wie verlangt ein Landschaftsarchitekt. Zusätzlich hatte Amsler noch eine weitere Person engagiert: Santiago Calatrava. Der damals gut dreissigjährige Spanier hatte in Valencia Architektur studiert und später an der ETH Zürich ein Ingenieurstudium abgeschlossen. Gebaut hatte er bis zu diesem Zeitpunkt noch nichts. Doch mit seinen Entwürfen, in denen Architektur und Konstruktion sich gegenseitig zu beflügeln schienen, machte er in Fachkreisen auf sich aufmerksam. Beim Bahnhof Stadelhofen war bereits im Studienauftrag eine Arbeitsteilung ablesbar: Arnold und Vrendli Amsler, die sich mit Umbauten historischer Gebäude einen Namen gemacht hatten, kümmerten sich um das Aufnahmegebäude, Calatrava setzte seine Fähigkeiten bei der Perronanlage ein.

Der Bahnhof Stadelhofen war der spektakuläre Auftakt in Calatravas Werk. Zwar gab es neben grossem Lob schon am Anfang vereinzelte Kritik, etwa, dass die Ingenieurarchitektur gar nicht den wirklichen Kräfteverlauf widerspiegelt. Doch wenn man das Gesamtwerk betrachtet, ist diese Frage irrelevant. Die Inszenierung der gekurvten Hangkante das architektonische Hauptereignis. Davon ausgehend und mit dem gleichen formalen Repertoire ist die ganze Bahnhofsanlage gestaltet. Herausragend ist dabei nicht nur die Formensprache, herausragend ist auch die Konsequenz, mit der das ganze Ensemble bis ins kleinste Detail bearbeitet ist. Bald dreissig Jahre nach seiner Fertigstellung hat das Bauwerk nichts von seiner Wirkung eingebüsst. Mit der Patina hat es in Ehren gealtert. Wer eine Liste der besten Bauten der Zeit um 1990 aufstellt, muss den Bahnhof Stadelhofen ganz oben aufführen.

Das historische Aufnahmegebäude wurde ausgehöhlt und erhielt ein neues Innenleben.

Wie kann man nun ein derart kraftvolles, ausgewogenes und ikonenhaftes Bauwerk erweitern? Naheliegend ist es tatsächlich, wenn man dabei zunächst an den Urheber des Bestehenden denkt. Dieser ist beruflich noch voll «im Saft», man würde also einen Originalcalatrava kriegen. Auf jeden Fall sollte er am Wettbewerb teilnehmen können. Aber ist das die einzig mögliche Lösung? Was passiert, wenn Calatrava Calatrava mit Calatrava ergänzt? Wird damit das bestehende Bauwerk gestärkt? Oder verliert es im Gegenteil an Kraft?

Beim Neubau, den die Axa nach Calatravas Plänen gleich nebenan errichten möchte, ist Skepsis angebracht. Das Geschäftshaus ist nicht ein Teil des Bahnhofs und soll auch nicht als dessen Erweiterung gelesen werden. Beim Ausbau des Bahnhofs besteht aber die Einheit in der Nutzung, sodass sich ein neuer und ein alter Calatrava durchaus gegenseitig steigern könnten. Man kann sich aber auch das Gegenteil vorstellen: eine architektonisch eigenständige Erweiterung, deren gestalterische Qualitäten sich mit Calatravas Werk messen lassen. Dann könnten sich die beiden Teile in ihrer Wirkung sogar verstärken. Wichtig wären dann klar definierte Schnittstellen und ein sensibler und sorgfältiger Umgang mit dem Bestand.

Der Bahnhof Stadelhofen ist ein Schlüsselwerk in Calatravas Oeuvre.

Nur eine S-Bahn-Station entfernt, im Untergrund des Hauptbahnhofs, demonstrieren die SBB beides: wie man es machen soll und wie man es nicht machen darf. Seit der Eröffnung des städtischen Shop-Villes unter dem Bahnhofplatz im Herbst 1970 ist dort mit dem S-Bahnhof und dem Durchgangsbahnhof ein weit verzweigtes Netz an Hallen und Passagen herangewachsen. Die einzelnen Bereiche sind scharf voneinander abgetrennt, sodass jeder Teil seine Eigenständigkeit bewahrt und nicht mit dem anderen ins Gehege kommt. Eine Ausnahme ausgerechnet an der wichtigsten Stelle bestätigt die Richtigkeit dieser Regel. Dieses Prinzip ist auch am Bahnhof Stadelhofen denkbar.

Aber am HB sieht man eben auch, wie man mit einem qualitätvollen Bauwerk nicht umgehen darf. Der S-Bahnhof mit seinen von Trix und Robert Haussmann gestalteten Hallen und Passagen ist Calatravas Bahnhof Stadelhofen ebenbürtig. Oder vielmehr: er war es. Unsensible Umbauten zerstörten viele Qualitäten dieses «Gesamtkunstwerks», und mit dem aktuellen Umbau in der Passage Bahnhofstrasse geht dieses Werk weiter. Vor diesem Hintergrund versteht man Santiago Calatrava, wenn er Schlimmes befürchtet und sich frühzeitig für «seinen» Stadelhofen wehrt. In erster Linie wird es jedoch die Aufgabe der Wettbewerbsjury sein, ein calatravakompatibles Projekt auszuwählen. Denn in der Ausschreibung sind die Qualitäten des Bestehenden durchaus ein wichtiges Thema.

Bis zur Eröffnung Ende Mai 1990 dauert es noch eineinviertel Jahr.

Kommentare

Franziska Gerber 15.02.2019 16:28
Aber für einen Calatrava Bau kann man gleich nebenan ein historisches Haus abbrechen. Wo bleibt da die Logik des "Star"Architekten? Jener Architekt kann sich wohl nicht mehr für sein "Werk" wehren.
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Ich kann das Bild nicht lesen