In der Mantellinie der abgebrochenen Scheune: das Lehrlingsheim in Wädenswil. Fotos: Peter/Graf Fotografie

Von der Industriestadt zur Schulstadt

Wohnangebote für Studierenden gibt es in Wädenswil wenig, denn die Immobilienpreise sind auch am linken Zürichseeufer hoch. Daher ist der Ersatzneubau eines Lehrlingswohnheims höchst willkommen.

Wädenswil hat auf seinem Weg von der Industrie- zur Bildungsstadt einige Hürden zu meistern. Die ZHAW und die vier weiterführenden Schulen bilden keinen zentralen Campus. Die Fachhochschule etwa ist auf zwei weit auseinanderliegende Standorte verteilt. Das produziert Pendlerverkehr, die Lage am Hang über dem Zürichsee macht die Erschliessung zudem aufwendig. Auch Wohnangebote für die über 1000 Studierenden und Berufsschüler gibt es wenig, denn die Immobilienpreise sind auch am linken Zürichseeufer hoch. Daher ist der Ersatzneubau eines Lehrlingswohnheims für angehende Lebensmitteltechnologinnen und -praktiker, Weintechnologen, Staudengärtnerinnen oder Landschaftsbauzeichner mit 78 Betten auch politisch höchst willkommen.

Der Bau liegt hoch über dem Zürichsee neben dem klassizistischen Waisenhaus aus dem Jahr 1847 (heute ebenfalls Lehrlingswohnheim, saniert und umgebaut von Hotz Partner). Zuerst musste die ans Waisenhaus angrenzende Scheune von 1873 aus dem Inventar der schützenswerten Gebäude entlassen werden. Der Heimatschutz stimmte unter der Bedingung zu, dass der Neubau die Mantellinie der Scheune übernimmt. Die Architekten nahmen die Steilvorlage auf und weben mit der sorgfältigen Orientierung und reduzierten Gestaltung den Neubau gut ins Ensemble ein.

Die Grundrisse sind zweckmässig und einfach organisiert, sie nutzen, was schon da ist: den Blick und die liebliche Umgebung. Mit der Morgensonne öffnet sich das Erdgeschoss mit einem grossen Frühstücks- und Aufenthaltsraum auf die idyllische Hofsituation, in die Abendsonne öffnet sich eine tiefer liegende, mit dem Aufenthaltsraum über eine Treppe verbundene Lounge auf eine kleine Terrasse zur Wiese. Die grossen Fenster der Gemeinschaftsräume sind präzise gesetzt, geben ausgesuchte Blicke frei. Im ersten und zweiten Obergeschoss liegen identische Schlafebenen, im Dachgeschoss vier Mehrbettzimmer unter einer skulpturalen Zeltdecke. Um genug Tageslicht auch in die obersten Zimmer zu bringen, haben die Architekten auf ein ausladendes Vordach, wie es die Scheune hatte, verzichtet.

Die allseitige Verkleidung mit vertikalen sägerohen Lärchenlatten hingegen ist eine Referenz an den Wirtschaftsbau. Das fehlende Vordach und die einheitliche Rundumverkleidung machen das Haus zu einem kantigen Objekt, zu einer reduzierten Hausskulptur, die das Ensemble stärkt.

Lehrlingsheim, 2012

Waisenhausstrasse 14, Wädenswil ZH

– Bauherrschaft: Stiftung Technische Obstverwertung, Wädenswil

– Architektur: Hotz Partner, Wädenswil

– Auftragsart: Direktauftrag, 2006

– Gesamtkosten (BKP 1– 9): CHF 4,4 Mio.

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