Anneke Abhelakhs Schweizerkarte der «Culture of Architecture». Entstanden 2020 in ihrem Kurs «Architekturausstellungen» an der Architekturabteilung der ETH Zürich. (Grafik: Yann Salzmann) Fotos: Anneke Abhelakh

Vernetzen oder gründen?

In Zürich hat eine illustre Runde über die Gründung eines neuen Schweizer Architekturmuseums diskutiert. Das Interesse war gross, die Erkenntnis klein.

Eingeladen hat das 2019 gegründete Zentrum für künstlerische Nachlässe (ZKN) mit der Feststellung, dass «es der Schweiz – im Unterschied zu manch anderen Ländern – an einer zentralen Institution fehlt, an der Architektur systematisch gesammelt und Baukultur in allen ihren Aspekten vermittelt würde.». Die Diskussionen blieben regional und fachspezifisch, schrieb der Verein, der sich als Think Tank für Nachlässe aus künstlerischem Bereich versteht, in der Einladung. Rund 100 Besucher sind am 27. September im grossen Saal des Museum für Gestaltung zusammengekommen, um einer illustren Podiumsrunde zuzuhören.

Das muntere Eröffnungsreferat von Stanislas von Moos, emeritierte Kunstgeschichteprofessor der Universität Zürich, gab der späteren Diskussion den Boden und die Richtung. Es gäbe ja bereits 1128 Museen in der Schweiz, so von Moos. Wo könnte und sollte sich ein nationales Architekturmuseum überhaupt positionieren? An welches Publikum mit welchen Themen sollte es sich richten? Der ehemalige Professor beantwortete seine Fragen gleich selbst: Das erstaunlichste Schweizer Architekturmuseum sei die gebaute Realität. Sie könne jederzeit und ohne Eintritt besucht und betrachtet werden. Wenn schon Museum, dann gehöre Architektur ins Kunstmuseum, so von Moos. Hier sieht er Potential und zitiert Beispiele aus dem Ausland. Denn in der Schweiz, so von Moos, habe – etwa im Kunstmuseum Basel, dessen Onlinearchiv er durchkämmt hätte – keine einzige Architekturausstellung in den letzten 50 Jahren stattgefunden.

Anders sah das Anneke Abhelakh vom Institut für Geschichte und Theorie der Architektur der ETH Zürich. Sie hat viele Jahre als Kuratorin am Nederlands Architectuurinstituut (NAi) gearbeitet und auf dessen Gründung zurückgeblickt. Abhelakh vertrat die Meinung, dass auch der Schweiz ein Institut für Architektur gut anstehen würde. Eines das sammelt und dokumentiert, wo aber auch über Zukunft nachgedacht wird, so wie am NAi. Sie zeigte eine dicht beschriftete Schweizerkarte der «Culture of Architecture» auf der ihre Studenten die vielen kleinen und regionalen Architekturvermittler eingezeichnet haben. Eine zentrale und vom Bund unterstützte Institution könne die einzelnen Punkte der polyzentrischen Architekturlandkarte zusammenführen.

Für eine Bündelung der Kräfte plädierte auch Christine Binswanger, nach ihrem Werbespot für das «Jacques Herzog und Pierre de Meuron Kabinett» in Basel, das den Nachlass des Büros verwalte und für Forscher zugänglich mache. Für die Partnerin bei Herzog de Meuron sei ein Zentrales Museum allerdings nicht zielführend. Es sei sinnvoller, sie verteilt zu besuchen. Es brauche allerdings tatsächlich mehr Geld vom Bund um die Themen der Architektur öffentlich zu machen, so die Architektin.

Madeleine Schuppli, Abteilungsleiterin Visuelle Künste der Pro Helvetia meinte, dass die Tendenz im Kunstbetrieb tatsächlich in Richtung Transdisziplinarität und Öffnung gehe. Kunst und Architektur seien ja Geschwister, so die ehemalige Direktorin des Kunstmuseums Aarau. Doch Schuppli betonte auch, dass Architektur im Gegensatz zur Kunst nicht gemacht ist, um ausgestellt und gesammelt zu werden. Sie müsse immer übersetzt werden.

Martino Stierli, Chefkurator Architektur und Design am Museum of Modern Art, der den Abend moderierte, versuchte ein paar Mal, die Runde auf den Handlungsbedarf abzuklopfen. Es gäbe in der Schweiz keine Institution, die Architektur systematisch sammele, dokumentiere und analysiere – und das bei anhaltendem Publikumsinteresse, hielt Stierli der Runde entgegen. Das sahen zwar seine Gäste auch so, doch die Lösung in einem zentralen Architekturmuseum sahen sie nicht.

So blieb der Abend seltsam offen, unmotivierend und wenig konstruktiv. Auch weil die Vertreter der effektiven Player wie das Schweizerische Architekturmuseum Basel S AM, das Zürcher Architekturzentrum ZAZ, die 2020 gegründete Stiftung Baukultur, das Institut gta oder die Westschweizer Ausstellungsplattform Archizoom teilweise als Zaungäste im Publikum sassen und staunten, wie andere über ihre Pfründe verhandelten. Weshalb man sich auch überlegen könnte, ob die Veranstaltung nicht einfach ein intelligent verpackter Akquisitionsanlass des ZKN war, das der wirbelige auf Vertrags-, Erb-, und Immaterialgüterrecht spezialisierter Anwalt Florian Schmidt-Gabain präsidiert.

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