Das Luftschloss Collective stellt ein Versatzstück aus einem Wohnzimmer ins Foyer und wirft so die alte Frage nach öffentlich und privat auf.

Unter sich

Am Festival Architektur-Schweiz in Zürich träumten Architekten vom Ende der Kompaktfassade, Hochhäusern am Zürichberg und fiktiven Staaten. Leider blieben die Utopisten unter sich.

«Hallo, Hallöchen! Na du? Du siehst aus, als ob du es zart magst», säuselt die Plüschwand im Kulturhaus Kosmos in Zürich. Keine Frage, die Werkschau Architektur-Schweiz kommt dieses Jahr freier und freizügiger daher als bisher. Ihre Macher Blofeld haben den Anlass eingekocht und zu einer Konferenz mit Pop-up-Museum und Filmtagen umgekrempelt. Modelle etablierter Büros gibt es keine mehr zu sehen, dafür öffnen sie den Raum für Utopien, Debatten und Experimente. Das Kollektiv Dunkelgraufastschwarz, das das Gebäude mit QR-Codes zum Sprechen bringt, ist eines von zwanzig Teams unter 40 Jahren, die die Fondation Sotto Voce ausgewählt hat, um das Kosmos mit kleinen Interventionen zu bespielen. Das Architekturbüro Penzis Bettini fragt das Publikum auf einer Pinnwand, welches Material emotional berührt oder welche Sprache ein Gebäude spricht. Das Luftschloss Collective stellt ein Versatzstück aus einem Wohnzimmer ins Foyer und wirft so die alte Frage nach öffentlich und privat auf. Manche Installationen wirken improvisiert, andere gehen im Gewusel des Kosmos unter. Die Versuchsanlage aber ist sympathisch. Junge Architektinnen erhalten eine Plattform, Kinobesucher stolpern unverhofft über Architektur an der Grenze zur Kunst.

Das Büro Batiments verkauft Merchandise, um ihre Projekte zu finanzieren.

Auch die Tagung am Freitag sprengte den Rahmen des Üblichen. Der Kontrast zur Konferenz der digitalen Immobilienwirtschaft, die diese Woche in Brugg mit grossem Getöse über die Bühne ging, hätte nicht grösser sein können. Zwei Dutzend Besucher sassen zwischen Backsteinmäuerchen im Clubraum, mal quengelte ein Baby dazwischen, präsentiert wurde ohne Mikrofon. Die Architekten nutzen die familiäre Atmosphäre, um frei von der Leber zu sprechen. Das Studio Barrus freute sich auf eine Zeit in naher Zukunft, wenn die Kompaktfassaden bersten, der Erdgeschossplan die ganze Schweiz befreit und die Zersiedelung überwunden ist. Tristan Kobler von Holzer Kobler Architekturen imaginierte Hochhäuser am Zürichberg, damit die Stadt endlich so dich wie Hongkong werden kann. Und Kosmos Architects präsentierten den fiktiven Staat «Borderland», der die Grenzgebiete zwischen den Nationen überwinden soll. Einer der wenigen, die den Besuchern ins ökologische Gewissen redeten, war Felix Hilgert von Boltshauser Architekten. Er rechnete die Vorzüge des Lehmbaus vor, der zehn Mal weniger Energie als Beton oder Backstein verbraucht, während auf der Wand hinter ihm ein Hurrikan aufzog.

Mit dem Projekt «Borderland» wollen Kosmos Architects die Ländergrenzen überwinden.

Die Referenten diskutierten alle möglichen Themen, von Textildämmung über Mikrowohnen bis Blockchain. Allzu oft kam die Perspektive aber aus Zürich, dem Epizentrum der Schweizer Bauwirtschaft. Zudem fehlte der Blick über das eigene Gärtchen hinaus, anachronistisch zu unserer vernetzten Welt. Die Architektinnen und Architekten blieben unter sich und unbequeme Fragen folglich in der Luft hängen. Wie soll der Traum von der durchmischten, dichten, gerechten, begrünten Stadt wahr werden? Wie im gegenwärtigen politischen Klima umgesetzt, von hart kalkulierenden Bauherren finanziert, von der individualistischen Gesellschaft akzeptiert werden? Solche Fragen sind grösser als die Architektur. Doch will sie relevant bleiben, muss sie sich ihnen stellen.

«Architektur Schweiz»: Pop-up-Museum im Kosmos in Zürich noch bis 7. April 2019

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