Kunststein vor dem rauen Fels des Blattenstocks. Der Dorfladen läuft und belebt das «Grimseltor». Fotos: Tom Bisig

Treffpunkt und Wegweiser

Im Saal blickt ein Fenster zum Susten, ein Fenster zur Grimsel. Das winkelförmige Haus steht an der Verzweigung der beiden Passstrassen im Haslital im Berner Oberland.

Innertkirchen setzte sich vor gut fünf Jahren das Ziel, ein starkes Zentrum zu schaffen, damit Durchreisende die Fahrt unterbrechen. Der Verkehr dominierte das Ortsbild, die Zukunft des Dorfladens war gefährdet. Markante Architektur sollte es richten, das Postgebäude musste weichen, das benachbarte Grundstück der Kraftwerke Oberhasli (KWO) bot Raum für einen sorgfältig geplanten Neubau.

Einheimische finden nun im «Grimseltor» einen Volg-Laden mit Postagentur. Für Anlässe steht im Obergeschoss der 160-plätzige Saal bereit. Ein Parkplatz lädt Pässefahrer zum Zwischenhalt ein. Wer aus dem Postauto steigt oder mit der Bahn von Meiringen angereist ist, steht direkt vor dem Besucherzentrum für die Ausflugsziele im Gebiet der KWO. Die Kraftwerke verbinden Stromproduktion und Tourismus.

Weil für einen Dorfplatz die Mitspieler fehlen, fasst das mehrfach geknickte Haus selbst den Platz. Ein Brunnen markiert den Übergang zur Strasse. Eine Linde soll zum Treffpunkt heran­wachsen. Zum Schutz vor Hochwasser steht das ganze Gebäude auf erhöhtem Grund — der Dorfplatz wird so zur Bühne. Die verschiedenen Nutzungen des rund 55 Meter langen Hauses sind entlang der Fassade aufgefächert und leicht zu finden. Zwischen Laden und Foyer führt ein Durchgang zum Parkplatz.

Der Kunststein verweist auf Kraftwerksanlagen und Strassenbauten, doch der Weissbeton macht das Haus feiner und verleiht ihm die gewünschte Öffentlichkeit. Im Sommer scheint es fast schneeweiss, im Winter wechselt die Wahrnehmung: Das Hellgrau erscheint dunkler als die Schneedecke. Eine zurückversetzte Glasfront verbindet Innen- und Aussenraum. Der Boden fliesst vom Platz bis ins Foyer. Dort ist der Terrazzo fein geschliffen. Am Fuss der Treppe zum Obergeschoss überrascht eine Kristallgrotte die Besucher, in die Wand gebaut mit Steinen aus dem Fundus der KWO. Eine der beiden Theken aus Sichtbeton dient tagsüber als touristische Auskunftsstelle. Bildschirme zeigen Bilder und Geschichten zu Handwerk und Ausflugszielen, Veranstaltungen und Abfahrtszeiten. So behält das «Grimseltor» seine touristische Funktion auch ausserhalb der Öffnungszeiten. 2012 hat das Haus beim bernischen Kulturpreis ATU-Prix eine Auszeichnung erhalten.

Grimseltor, 2012

Grimselstrasse 2, Innertkirchen BE

– Bauherrschaft: Grimseltor (Gemeinde Innertkirchen, Genossenschaft Grimseltor, Kraftwerke Oberhasli)

– Architektur: Gschwind Architekten, Basel

– Bauleitung: Beat Schäfer, Innertkirchen

– Auftragsart: offener Projektwettbewerb, 2009

– Gesamtkosten: CHF 5 Mio.

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