Streit um Architekturtheorie am gta

In einem offenen Brief attackiert der Architekturtheoretiker Hans Frei das Institut für Geschichte und Theorie der Architektur der ETH. Es würde mit «Geschichte» theoretische Debatten verhindern, so Frei, statt sich ins Zentrum architektonischer Auseinandersetzungen zu rücken. Die fünf Professoren des gta dementieren und plädieren ihrerseits für eine enge Verflechtung von Theorie und Praxis und den Einbezug der Studierenden. Lesen Sie hier die beiden Briefe und im Sommer im Hochparterre ein Gespräch der Beteiligten.

Offener Brief an die Türsteher des Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur (gta)


Wem gehört Haller? – Der Nachlass des bekannten Schweizer Architekten Fritz Haller („USM Haller“) wurde dem gta an der ETH Zürich übergeben, um ihn allen Interessierten zugänglich zu machen. Im März 2012 organsierte das gta ein Symposium, dessen Resultate zum Teil in einem Werkkatalog publiziert werden sollen. Unter andern wurde auch ich eingeladen, meinen Beitrag für eine schriftliche Fassung zu überarbeiten. Doch nun verlangt man von mir inhaltliche Korrekturen, die nie und nimmer meinen Ansichten entsprechen.

Was passiert ist, ist symptomatisch für die untergeordnete Rolle der Architekturtheorie am gta. Entweder wird Architekturtheorie ganz den Historikern überlassen oder aber Nicht-Historiker sehen ihre Aufgabe in erster Linie im Untersuchen, Erklären und Begründen von Architekturen (alles traditionelle Aufgaben der Kunst- und Architekturgeschichte). Daher die auffällige Vorliebe für das Schubladisieren von Theorien (in Anthologien) und das Auflisten technischer sowie philosophischer Prä-Liminarien.

Geschichte ist das Strichwort, um theoretische Debatten zu verhindern oder sie ‚faute de mieux‘ an geladene Gäste (Koolhaas, Tschumi) zu delegieren. Die kritische Bemerkung von Tönnesmanns über Lampugnanis Novartis Campus, kürzlich in der Süddeutschen Zeitung publiziert, ist die sprichwörtliche Stecknadel im Heuhaufen des gta.

Architekturtheorie ist nicht gegen Geschichte, gleichwohl aber der historischen Perspektive diametral entgegengesetzt. Es geht darum, neue Konzepte zu finden, die die Architektur an die vorderste Front des aktuellen Lebens führen. Oder es geht darum, verschiedene Sichtweisen der Architektur, die als inkompatibel gelten, zu vereinen, wie dies Haller in seinen theoretischen Arbeiten getan hat, als er die absoluten Notwendigkeiten standardisierter Systeme mit grösstmöglicher menschlicher Freiheit zusammenzubringen suchte.

Setzt man jedoch einen Historiker oder einen rückwärtsgewandten Nicht-Historiker an die Stelle eines Theoretikers, so läuft dies ungefähr auf das Gleiche hinaus wie wenn man nach einem Bestatter statt nach einer Hebamme ruft. Dabei könnte man gerade aus der Geschichte der Architekturtheorie lernen, dass es keine Theorie gibt, die nicht mit einem Projekt verbunden ist. Vernachlässigt man diese spekulative Dimension der Architekturtheorie, so bedeutet dies nichts anderes als Resignation vor den aktuellen Herausforderungen der Architektur.

Wäre es nun nicht an der Zeit, dass dem „T“ für „Theorie“ am gta endlich ein ihr gebührender Platz eingerichtet wird?

Wäre es nicht an der Zeit, dass das gta ins Zentrum architektonischer Auseinandersetzungen gerückt wird? Man braucht kein Institut, nur um die beträchtlichen Mittel unter den Beteiligten aufzuteilen. Es braucht mehr. Nicht zuletzt aber müssten die Mitarbeit von Studierenden begrüsst werden, denen das gta ja gemäss seinen eigenen Statuten in allererster Linie verpflichtet ist.


Hans Frei im März 2014

Antwort des Instituts gta auf den offenen Brief von Hans Frei


Seit seiner Gründung 1967 hat das Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) die Aufgabe seines Archivs darin gesehen, Nachlässe von nationaler und internationaler Bedeutung nicht nur sachgerecht zu bewahren, sondern auch der Forschung zur Verfügung zu stellen. Entgegen der Überschrift des Briefes von Hans Frei steht das Archiv der Forschungsgemeinschaft offen. Mehr als 200 Forscherinnen und Forscher aus aller Welt werden derzeit pro Jahr bei ihrer Arbeit im Archiv von den Mitarbeitern des Instituts betreut. Die Resultate der Forschung sind in Form von Tagungen, Publikationen oder Ausstellungen veröffentlicht. Hans Frei beschwert sich darüber, dass wir von ihm eine Überarbeitung seines vor zwei Jahren gehaltenen Vortrags für die Publikation des Werkkatalogs von Fritz Haller verlangen. Es liegt, wie bei allen wissenschaftlichen Publikationen, in der Verantwortung der Herausgeber, die Qualität der Beiträge sicherzustellen, für ihre Kohärenz zu sorgen und gegebenenfalls zu verlangen, dass Texte revidiert werden.

Die Kritik von Hans Frei bezieht sich aber auch viel grundsätzlicher auf die Arbeit im Bereich der Theorie am Institut gta. Insbesondere stellt er die enge Verbindung zwischen Geschichte und Theorie in Frage. Doch keine Theorie, und das bestätigt auch Hans Frei, kann ohne einen Bezug zu einem Projekt oder einer Praxis existieren. Deswegen plädieren wir für eine enge Verflechtung von Theorie und Praxis. Am Institut gta werden die Wissensgeschichte der Architektur, die Formen und Techniken des Bauens, die Funktionen der Architektur und deren Verhältnis zu Gesellschaft und Politik, die Entwicklung des Entwerfens und des architektonischen Denkens von den Anfängen bis zur Gegenwart erforscht. Neben der Feststellung und Verifizierung von Fakten – was auch historische Fakten umfasst – hat sich das Institut gta immer darum bemüht, die angewandten Methoden auf ihre Tauglichkeit als Modell zu überprüfen und für die zeitgenössische Architektur fruchtbar zu machen.

Das Institut gta steht heute und hat auch in der Vergangenheit nie für einen einzigen Ansatz der Theoriebildung gestanden. Vielmehr werden am Institut unterschiedliche Positionen von einer Vielzahl an Forschenden – Dozierenden, Doktorierenden und Studierenden – offen debattiert. Allein für einen spezifischen, normativen Ansatz von Architekturtheorie zu stehen, widerspricht unseren Vorstellungen und Arbeitsweisen als Historiker, Theoretiker und Lehrende.

Das Institut gta hat sich denn auch seit jeher um die Ausbildung von Studierenden gekümmert. Zahlreiche Projekte, wie die Studien zur Morphologie historischer Stadträume, diejenigen zur Materialität, die Forschungsprojekte zum transatlantischen Dialog, der „Schwellenatlas“, oder auch in jüngster Zeit das „Walk-Projekt“ wurden mit Studierenden erarbeitet. Das in Europa einmalige, vor zwei Jahren gegründete Doctoral Program of the History and Theory of Architecture hat dem Doktoratsstudium neue Impulse verliehen. Die besten Arbeiten werden in einer eigenen Buchreihe publiziert.

Wir freuen uns über jeden Beitrag zur Debatte, vor allem, wenn sie sachlich fundiert ist. Nur eine kritische Hinterfragung von aussen erlaubt es, die Qualität der eigenen Arbeit zu verbessern.


Vittorio Magnago Lampugnani, Ákos Moravánszky, Laurent Stalder, Andreas Tönnesmann, Philip Ursprung


Hans Frei lebt und arbeitet als Theoretiker und Architekt ETH in Zürich. Von 1996 bis 2003 lehrte er Entwurf und Theorie an der Universitat Kassel. Den Beitrag zum
Werkkatalog Fritz Haller von Hans Frei kann man auf hans-frei-arch.ch nachlesen. Die Diskussion über Architekturtheorie im Allgemeinen und am gta im Besonderen möchten wir im Hochparterre mit den Beteiligten vertiefen. In einem der folgenden Hefte laden wir Hans Frei, Laurent Stalder und den Theoretiker Stephan Trüby zum Gespräch.

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