Europaallee Fotos: Tobias Madörin

Stadtentwicklung bebildern

Das Architekturforum Zürich zeigt Zürich in Bild und Text: Grossformatige Veduten von Tobias Madörin und ein kluger Essay zur Stadtentwicklung von Martin Tschanz ergänzen sich kongenial.

Der Empfang im abgedunkelten Eingang des Architekturforums ist monumental: Ein hinterleuchteter Quadriptychon dominiert den Raum und versperrt den Weg. Die Lichwand zeigt den Blick vom Uetliberg auf die Stadt. Die Bilder sind schaufenstergross und trotzdem detailreich. Der Blick geht vom Limmattal bis zum See, vom Waldrand zu Füssen über die Stadtsenke wieder hinauf zum Zoohügel. An den Rändern sind die Bilder aus optischen Gründen etwas unscharf, in der Mitte zeichnen einige Nebelfelder Hauskanten weich und überlappende Bildausschnitte verlangen, dass der Betrachter das Panorama im eigenen Kopf zusammensetzt. Diese feinen visuellen Stolpersteine sind aber keine Nachlässigkeiten des Fotografen, sondern gezielte Hinweise auf den Unterschied zwischen Fotografie und «richtiger Welt» – der Uetliberg ist ja schliesslich nicht ins Architekturforum gerutscht.
Der zweite Raum ist blendend hell. Hier leuchten nicht mehr die Bilder selbst, sie werden angeleuchtet. Es sind dunkel gerahmte, 222 x 176 Zentimeter grosse Quartier- und Häuser-Stillleben. Gäbe es Plotter, die grössere Formate erlauben würden, wären sie wohl noch grösser. Die Bilder sind faszinierend scharf, man ertappt sich schnell dabei, Unbekannten in die Fenster zu schauen oder kopfschüttelnd zu prüfen, was auf einigen Zürcher Balkonen so alles herum liegt. Die Überformate und die gewaltige Tiefenschärfe sind der Clou der Ausstellung: Die Veduten sind so gross, dass man sich darin verlieren kann. Dass sie extra tief gehängt sind, verstärkt diesen Eindruck. Hätte es eine kleine Treppe davor, man würde gedankenlos direkt in sie hineinsteigen.

Voraus gingen der Ausstellung viele gemeinsame Fahrten in Madörins Jeep quer durch Zürich: Tschanz erklärte Madörin dabei die Entwicklung der Stadt und zeigte ihm die spannenden Bruchstellen und städtebaulichen Spuren der vergangenen 100 Jahre. Madörin auf der anderen Seite erklärte Tschanz wie er schafft eine Totale bis ins letzte Detail durchzukomponieren und was der Unterschied seiner Bilder zur Architekturfotografie ist. Die Ausstellung schafft es, diesen Dialog sinnlich abzubilden. Und sie macht grosse Lust, den Essay von Tschanz auf dem Heimweg zu lesen.

«Stadt anschauen. Ein Streifzug durch Zürich mit Tobias Madörin und Martin Tschanz» ist bis am 2. Dezember geöffnet. Die Ausstellung entstand anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Halter AG.

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