Das Schauspielhaus soll zum Zentralen Zunfthaus der Zünfte Zürichs (ZZZZ) werden. (Foto: WH, 1981) Fotos: Werner Huber und Baugeschichtliches Archiv Zürich

Schauspielhaus wird Zunfthaus

Der Streit um die Zukunft des Zürcher Schauspielhauses ist entschärft: Die Zünfte übernehmen das Haus als Zentrale und öffnen es für die Bevölkerung. Die Pfauenbühne findet in Oerlikon ein adäquates Umfeld.

Die Nachricht schlug vor den Sommerferien 2018 wie eine Bombe ein: Der Zürcher Stadtrat teilte mit, dass er eine «umfassende Modernisierung» der traditionellen Pfauenbühne des Schauspielhauses plant. Bühnenbereich und Zuschauersaal sollten abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt werden. Der Aufschrei war gross, denn damit würde nicht nur wertvolle Bausubstanz – einer der wenigen Theatersäle der 1920er-Jahre –, sondern auch der Erinnerungsort an die grosse Zeit des Schauspielhauses zwischen 1933 und 1945 verloren gehen. Mit einem Symposium Anfang 2020 und einer Auslegeordnung im letzten Herbst wollte der Stadtrat der Opposition den Wind aus den Segeln nehmen. Vergeblich: Gleich mehrere Komitees setzen sich für den Erhalt des Pfauens ein – wobei niemand bestreitet, dass die Verhältnisse für die Theaterschaffenden prekär sind. Auch diese haben ihr Komitee, das den Neubau begrüsst. Demnächst soll der Zürcher Gemeinderat über einen Projektierungskredit entscheiden.

Zuschauersaal des Schauspielhauses, kurz nach der Sanierung von 1978. (Foto: BAZ)

Doch nun überrascht die Stadt mit einer neuen «Bombe», deren Explosion zwar erst für den 19. April geplant ist, deren Sprengkraft gut unterrichtete Kreise aber schon jetzt an Hochparterre herangetragen haben. Dass für die Bekanntgabe der Sechseläutenmontag gewählt wurde, hat durchaus eine tiefere Bedeutung: Das Schauspielhaus soll zum Zunfthaus werden.

Ein Haus im Zeichen der vier Z
Dabei geht es nicht um den Sitz einer einzigen Zunft, sondern der «Pfauen» soll zum Zentralen Zunfthaus der Zünfte Zürichs (ZZZZ) werden. Als Trägerin tritt das Zentralkomitee der Zünfte Zürichs (ZZZ) auf, die Dachorganisation der Zürcher Zünfte. Das heutige Schauspielhaus wird denn auch nicht zu einem klassischen Zunfthaus mit Saal und Zunftstube umfunktioniert, sondern es soll weiterhin als Theater funktionieren. Damit will das ZZZ das bisher vor allem von den in Zürich dominierenden linken Kreisen als elitärer Anlass kritisierte Sechseläuten aufbrechen. Die breite Bevölkerung soll nicht nur am Böögg-Feuer auf dem Sechseläutenplatz Würste oder Maiskolben braten, sondern im Schauspielhaus auch Darbietungen der Zünfte beiwohnen können (ob diese so unterhaltsam sind wie die Schnitzelbänke der Basler Fasnacht sei dahingestellt). In der Inter-Sechseläuten-Zeit sollen im Haus weitere zünftige Anlässe stattfinden, und auch mit anderen Zürchern Theater werden Synergien gesucht.

Es ist vorgesehen, das Haus gründlich zu sanieren, wozu die Zünfte und ihre Zöifter mit einem Fundraising ihr Scherflein beitragen sollen. Als gestalterische Leitlinie dient der Umbau von Schwarz + Gutmann Architekten von 1978. Ihnen war es letztmals gelungen, aus dem Blockrandbebauung von 1889, dem Theatersaal von 1926 und dem neu gestalteten Foyer ein stimmiges Ganzes zu machen.

Zurückhaltend festlich – auch den Zünften angemessen: Das Foyer 1978. (Foto: BAZ)

Die Eingangspartie soll auf den Zustand von 1978 zurückgeführt werden. (Foto: WH, 1985)

Halbglücklicher Denkmalpfleger
Offenbar wurde dieses Vorhaben von langer Hand, mit grösster Diskretion und unter Einbezug aller Beteiligter vorbereitet. Von offizieller Seite ist jedenfalls nichts in Erfahrung zu bringen – nicht einmal hinter vorgehaltener Hand. Selbst Denkmal- und Heimatschutzkreise hüllen sich in Schweigen, und auch dem zuständigen Stadtrat André Odermatt ist nur ein verschmitztes, nicht anders als «vielsagend» zu interpretierendes Schmunzeln zu entlocken.

Eine fundierte Meinung konnten wir immerhin zur Frage des Denkmalschutzes einholen, und zwar bei Jean-Daniel Gross, dem Denkmalpfleger der Stadt Bern. Er arbeitete früher auf der Denkmalpflege in Zürich und nahm im Januar 2020 auch am Symposium zum Erinnerungsort Schauspielhaus teil. Er ist also mit der Materie vertraut. Über die Wende in der Sache ist er zunächst einmal erstaunt. Vor dem Hintergrund, dass für die Denkmalpflege der Erhalt der Substanz das höchste Ziel ist, ist er grundsätzlich erfreut. «Dies ist eine Chance, den Pfauensaal von Otto Pfleghard von 1926 integral zu erhalten, ihn vielleicht sogar von den störenden Scheinwerferbatterien und übrigen technischen Einrichtungen zu entlasten», sagt Jean-Daniel Gross, schiebt aber gleich nach: «Was ist ein Schauspielhaus ohne Schauspiel?» Nimmt man einem Gebäude seine Nutzung weg, verliert es damit auch ein wenig seine Seele. Können Zunftanlässe die Tradition der Pfauenbühne wirklich fortschreiben? «Die Frage nach dem Schauspielhaus als Erinnerungsort hat damit jedenfalls noch keine abschliessende Antwort gefunden», meint der Berner Denkmalpfleger.

Scheinwerfer beeinträchtigen heute die architektonischen Qualitäten des Zuschauerraums. (Foto: BAZ)

Zuschauersaal Ende der 1920er-Jahre: Dieser Zustand wird wieder angestrebt. (Foto: BAZ)

Neubau am Max-Frisch-Platz
Damit wären wir bei einer weiteren, entscheidenden Frage: Wenn das Schauspielhaus den Pfauen verlässt, wohin geht es dann? Auch dafür gibt es offenbar bereits eine Lösung: Die Stadt will am Max-Frisch-Platz hinter dem Bahnhof Oerlikon einen Neubau errichten. Damit soll das Schauspielhaus – wie bereits der Schiffbau in Zürich West – die Rolle eines kulturellen Katalysators spielen. Ähnlich hat es auch Genf gemacht, wo der Neubau der Comédie direkt neben dem neuen Bahnhof im Quartier Eaux-Vives entstanden ist.

Ein angenehmer Nebeneffekt in Oerlikon: Mit dem Neubau am Max-Frisch-Platz wird endlich die Benennung des Platzes nach dem grossen Schriftsteller plausibel. Ausserdem sind Frisch und seine Bühne in guter Gesellschaft, haben doch im Quartier bereits die Schauspielerinnen Therese Giehse, Ellen Widmann und Erika Mann, der Dramaturg Kurt Hirschfeld, der Verleger Emil Oprecht und auch der Schriftsteller Elias Canetti ihre Strassen. Dazu gesellen sich, freilich etwas weiter hinten, auch Margrit Rainer und Ruedi Walter. Das Bett für den neuen Pfauen ist also gemacht.

Die Glaskuppel über dem Eingang war ein Markenzeichen des Umbaus von 1978. (Foto: WH 1984, mit Autoporträt des Fotografen)

 

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Kommentare

Volker B. 01.04.2021 13:53
Kompliment Werner, Kompliment. Mich hast Du reingelegt...Mir dämmerte es erst bei 2/3 des Textes. ZZZZ = grossartig. Danke für die Mühe und die Freude, Gruss, Volker
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Ich kann das Bild nicht lesen