Verfechter der Klarheit: René Furrer im Wohnzimmer seines Hauses in Benglen ZH. Fotos: Urs Walder

Reisen. Sich ein Bild machen.

René Furer hat die weite Architekturwelt in den Hörsaal geholt und Generationen von ETH-Studenten mit seinem Bilderballett verzaubert. Zu seinen 90. Geburtstag befragt ihn Claude Lichtenstein in Zürich.

Wer ausatmen will, muss einatmen. Oder: Auch der Architekturtheoretiker braucht eine Substanz, die ihn nährt. In meinem Fall waren es viele Reisen, die ich in den Semesterferien zusammen mit meiner Frau Elena – sie war Kunsthistorikerin – unternahm. Wir haben alle Kontinente besucht. In meinen Vorlesungen konnte ich deshalb immer Bauten und Landschaften zeigen, die ich auch selbst gesehen habe. Ich bin überzeugt: Ohne Reisen geht gar nichts. Deshalb haben wir an Bernhard Hoeslis Lehrstuhl, wo ich von 1962 bis 1994 tätig war, als Erste in der Architekturabteilung der ETH Zürich die Seminarwochen eingeführt, ein Reise- und Besichtigungsformat, das es heute noch gibt. Geklaut hatten wir es von den Bauingenieuren. Den Einstieg bei Bernhard Hoesli verdanke ich dem Zufall. Nach dem Städtebaustudium an der Sorbonne in Paris, wo ich auch Elena kennengelernt hatte, traf ich 1962 im Zürcher Café Odeon den Gestalter Willi Walter. Wir kannten uns seit meiner Anstellung als Entwerfer bei Hans Fischli, die ich mit 19 nach meiner Hochbauzeichnerlehre angetreten hatte. Er steckte mir, dass Hoesli noch Assistenten suchte. Am nächsten Tag traf ich den Architekturprofessor zum Interview – am darauffolgenden Montag, rechtzeitig zu Semesterbeginn, hatte ich den Job. Die Welt hiess mich willkommen – rücksichtslos! Damit meine ich, dass ich beim «Heiligen Bernhard» die Treppe hochgefallen bin. Als Grünschnabel ohne Lehrerfahrung durfte ich Hoesli bald während eines Semesters im Wahlfach Gestaltungstheorie vertreten. Offenbar meisterte ich diese Aufgabe nicht schlecht: 1968 wurde ich ordentlicher Dozent für Architekturtheorie, und in den folgenden 26 Jahren stand ich Woche für Woche jeden zweiten Arbeitstag zwei Stunden lang im Hörsaal. Das Fach war neu, ich konnte es selbst definieren. Ich habe es mit einem Architekturbegriff geprägt, der weit gefasst ist und konsequent auch ‹Baus...
Reisen. Sich ein Bild machen.

René Furer hat die weite Architekturwelt in den Hörsaal geholt und Generationen von ETH-Studenten mit seinem Bilderballett verzaubert. Zu seinen 90. Geburtstag befragt ihn Claude Lichtenstein in Zürich.

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