Wie eine Google-Nadel besetzt der monumentale Lichtmast die Mitte des Freilager-Platzes in Münchenstein. Die 8000 Quadratmeter grosse Fläche macht vielfältige Nutzungsangebote. Fotos: Daniela Valentini

Mut zur Leere

Auf dem Campus Dreispitz in Münchenstein laden Pocket Parks und begrünte Gleishöfe zum Verweilen ein. Im Zentrum liegt der 8000 Quadratmeter grosse Freilager-Platz.

In den Neunzigerjahren hat die Christoph-Merian-Stiftung, Besitzerin des Dreispitz-Areals in Basel, das knapp sechs Hektar grosse, abgeriegelte Teilareal Zollfreilager stillgelegt und ab 2006 schrittweise geöffnet und umgenutzt. Die meisten «Einwohner» stellt seit 2014 die Hochschule für Gestaltung und Kunst der Fachhochschule Nordwestschweiz mit rund tausend Studierenden.

Die vier Elemente des Entwurfs: Platz, Gleishöfe, Pocket Park und dazwischen ein reduzierter Strassenraum.

Die Gestaltung der Aussenräume ging mit der fortlaufenden Umnutzung einher: In den ersten Jahren wiesen die Landschaftsarchitekten den Fussgängern mit provisorischen grünen Zebrastreifen den Weg durch die ehemals verbotene Stadt, Metallstelen schützten sie vor den vorbeifahrenden Lastwagen. Heute sind die Strassen und Schienen im Innern des Campus stillgelegt, und dauerhafte, mit Pioniergehölzen bepflanzte Pocket Parks und begrünte Gleishöfe laden zum Verweilen ein. Im Zentrum liegt der 8000 Quadratmeter grosse Freilager-Platz, dessen Schwerpunkt ein 32 Meter hoher Lichtmast wie eine Google-Nadel besetzt. In seiner Mitte befinden sich flache Senken, in denen sich nach Niederschlägen das Regenwasser sammelt und die den Platz im Sommer in eine kühlende Seenlandschaft verwandeln. Ihre Abflüsse reguliert der Arealmeister – bis anhin auf Anweisung der Landschaftsarchitekten. Wenn die Schule eine Freiluft-Modeschau oder die Nachbarn ein Open-Air-Kino veranstalten, wird das Wasser ganz einfach abgelassen.

Flache Senken verwandeln den Hauptplatz nach Regenfällen in eine urbane Seenlandschaft.


Pocket Park, Gleishof und zurückhaltend gestaltete Strassenräume sind die drei Elemente, die die Landschaftsarchitekten schrittweise einsetzten, wo es die strenge Lagerhallen-Baustruktur vorgab, aber auch, wo es sie brauchte. Der Pocket Park etwa schafft etwas Kleinräumigkeit und willkommene Querverbindungen in die parallele Baustruktur. Hübsch sind die kleinen Plattformen auf Eisenbahnrädern, die auf den alten Schienen vom Gleishof auf den Platz oder umgekehrt gerollt werden können. Sie sind eines von mehreren mobilen Elementen, die dazu einladen, das öffentliche Leben im Kunstfreilager selbst und dort wo gewünscht zu gestalten. Die Spannung, die zwischen weit und eng, zwischen grün und grau oder zwischen Sonne und Schatten entsteht, lädt die Aussenräume positiv auf. Sie ist der Lohn für den Mut, die riesige Fläche im Zentrum frei zu lassen und sie nicht mit raumbildenden Pflanztrögen, Hügeln oder Architektur-Folies zu gliedern.

Grüne Finger: Blick in einen Gleishof.

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 1-2/2019 der Zeitschrift Hochparterre.

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