Ein Bildschirm zerstört die räumliche Wirkung des Kongressvestibüls. Fotos: Werner Huber

Mattscheibe

Zürich hat am Wochenende die Wiedereröffnung von Kongresshaus und Tonhalle gefeiert. Die Chance, die architektonischen Qualitäten einer breiten Bevölkerung zu vermitteln, wurde nicht genügend genutzt.

Am vergangenen Wochenende konnten die Zürcherinnen und Zürcher das Kongresshaus und die Tonhalle an zwei Tagen der offenen Tür wieder in Besitz nehmen. Coronabedingt waren die Türen nicht ganz so offen wie nach dem letzten Umbau vor genau 36 Jahren. Man musste sich registrieren und ein pinkfarbener Teppich gab die Route durch das weitläufige Ensemble vor; 13 Stationen umfasste der Audiorundgang.

Dass insbesondere die Verantwortlichen des Kongresshauses stolz auf ihr neues, mit allen technischen Raffinessen ausgestatteten Gebäudes sind, ist verständlich – mit Kongressen und Veranstaltungen verdienen sie ihr Geld. Entsprechend viel Aufmerksamkeit widmeten sie den technischen Möglichkeiten von heute und den Stars von einst, die im Haus gastierten. Die Architektur blieb dabei auf der Strecke.

Räumlich hat das Gebäude von Haefeli Moser Steiger zwei herausragende Qualitäten: im Erdgeschoss das von der Clariden- zur Beethovenstrasse durchgehende Kongressvestibül mit Lichthof, und im ersten Stock die Raumfolge von Konzert- und Kongressfoyer. Gerade die Wiederherstellung des Kongressvestibüls in seiner ganzen Grösse ist einer der grossen Gewinne der nun abgeschlossenen Gesamtinstandsetzung. Davon war am Wochenende keine Rede – im Gegenteil: Ein grosser Bildschirm zerstörte den gerade eben wiederhergestellten Raumeindruck. Und im ersten Stock war die breite Schiebetür, die die beiden Foyers miteinander verbindet, geschlossen. Die «Ahs» und «Ohs» heimste dafür der strahlender und festlicher gewordene Tonhallesaal ein (wenn auch mit verdunkelten Fenstern). Hier war im Rundgang der Architektur ein eigener Punkt gewidmet.

Dass die architektonischen Qualitäten im Alltagsbetrieb des Kongresshauses eine Nebenrolle spielen werden, liegt in der Natur der Sache. Das Gebäude ist in erster Linie ein Werkzeug, das den unterschiedlichen Zwecken dienen muss. Es ist aber eine verpasste Chance, dass nicht wenigstens anlässlich der Eröffnung mehr Gewicht auf die hervorragende gestalterische Leistung von Haefeli Moser Steiger gelegt wurde. Gerade auch weil diese Architektur von einer breiteren Bevölkerung weniger verstanden wird, als der festlich strahlende Tonhallesaal.

Erziehen muss man die Leute nicht. Aber die Eröffnungstage wären eine Gelegenheit gewesen, um die Aufmerksamkeit auch auf das weniger Offensichtliche zu lenken und dadurch die Sinne zu schärfen.

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Kommentare

Roger Strub 08.09.2021 23:27
Wer auf das weniger Offensichtliche aufmerksam werden und die Sinne schärfen will, dem sei der Auftritt der Tonhalle auf Google Arts&Culture empfohlen: https://artsandculture.google.com/partner/tonhalle-zuerich
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Ich kann das Bild nicht lesen