Marcel Meili, eine der prägenden Figuren der Schweizer Architektur, ist tot. Fotos: Walter Mair

Marcel Meili (1953-2019)

Im Juni hätte Marcel Meili zusammen mit Markus Peter den Prix Meret Oppenheim entgegennehmen sollen. Nun ist er Montag früh an den Folgen eines Krebsleidens gestorben.

Marcel, der Intellektuelle. Das Denken und Schreiben lief bei ihm immer parallel zum Zeichnen und Bauen. Seine Texte waren Entwürfe, Projekte, Standortbestimmungen seiner Generation. Der ‹Brief aus Zürich›, 1988 im Spanischen Magazin Quaderns erschienen, ‹Ein paar Bauten, viele Pläne› von 1991, oder ‹10 Fragen an eine Europäische Architektur› im Deutschen Architekturjahrbuch 2000: Er erklärte uns und der Welt die Architektur in der Schweiz. Er sah die ‹Swiss Box› voraus, sprach als einer der ersten Architekten von der Peripherie, dachte die Architektur vom Städtebau bis zum Tragwerk. Und das alles in einer Sprache, die wie seine Bauten war: stark und sperrig und meist etwas komplexer als nötig. Das Simple beleidigte ihn. Er liebte es, die Architektur mit Begriffen aus anderen Welten zu beschreiben: ‹Verpuppung›, ‹Bohrungen›, ‹Elastizität›. Beim Lesen seiner Sätze beschleicht einen ein ähnliches Gefühl, wie beim Betrachten seiner Häuser: eher ungefähre Ahnungen, als glasklares Verständnis – aber diese Kraft!

Marcel, der Skeptiker. Lange pflegten er und Markus Peter, mit dem er 1987 das Büro gründete, eine distanzierte Position zum Schweizer Architektur-Mainstream, die im höheren Alter geschmeidiger wurde. Dem Bund Schweizer Architekten blieben beide fern – um dann 2017, jenseits der 60, doch noch beizutreten. Eine Website lehnten sie lange genauso ab, wie eine Buchmonographie – um 2008 eine wunderbar gemachte herauszugeben, «als Akquise-Instrument», wie Meili sagte. Seine Verantwortung sah er nicht nur als Architekt, sondern auch als Bürger. Zusammen mit seinen Brüdern Martin und Daniel, beides Ärzte, stiess er soziale und kulturelle Projekte an. Mit dem Erbe ihres Vaters unterstützen sie Projekte wie die Verlage Scheidegger & Spiess und Park Books, die Kinos Riff Raff, Bourbaki oder Houdini, oder, zuletzt, die Onlinezeitung Republik.

Marcel, der junge Wilde. Bei den Zeichnungen aus den Achtzigerjahren, die wir im Hochparterre vom letzten November zeigten, waren auch einige frühe Projekte von Marcel Meili. Als wir sie publizierten, war er schon krank und wollte sich auf sein letztes Semester als ETH-Professor vorbereiten, statt sich mit mir zu treffen. Schon 2015 hatte sein Büro ihm das ‹Studio› geschaffen, indem er sich, unterstützt von einigen früheren, langjährigen Mitarbeitern, bis zuletzt Projekten widmen konnte. Die Leitung des Büros überliess er 2016 Markus Peter und jüngeren Kollegen. Nach Erscheinen des Novemberheftes schrieb er mir, er habe sich gefreut, die alten Bilder wieder zu sehen. Zum Beispiel die Zeichnung vom Erweiterungsbau der Uni Zürich, dessen Wettbewerb er, zusammen mit Axel Fickert, 1981 gewonnen hatte. Diese ungebaut gebliebene Riesenmaschine am Zürichberg steht für die zornige Sehnsucht nach einer grösseren, geistig weiteren Schweiz. Was wäre wohl aus Meili geworden, wenn sein Projekt gebaut worden wäre? Und hat er wohl damals, mit 28 Jahren, schon die Casa Girasole gekannt? Zusammen mit Christoph Schaub drehte er Anfang der Neunzigerjahre einen Film über diese drehbare Villa eines Genueser Ingenieurs aus den Dreissigerjahren. Ein Film in Stil des Neorealismo.

Marcel Meili hat die Schweizer Architektur geprägt wie wenige andere. Zürich wäre ohne ihn nicht so, wie es heute ist: 1997 die seitlichen Perrondächer des HB (mit Knapkiewicz & Fickert), 1998 und 2002 die RiffRaff-Kinos (mit Staufer Hasler), 2004 das Park Hyatt Hotel, 2014 City West Überbauung mit dem Hochhaus Zoelly, 2016 Freilager Areal. Noch mehr als seine Bauten prägte er als Vorbild, als Arbeitgeber, Lehrer, Denker. Auch mich. Ende 2000 ging er mit mir, dem Anfängerschreiber noch frisch in der Schweiz, durch das Centre for Global Dialogue der Swiss Re. Hier, in Rüschlikon, konnten Meili Peter endlich ein Gebäudeensemble bauen, das in Grösse und Komplexität ihrer Ambition entsprach. Ein nobles Feuerwerk, entwickelt zusammen mit Wiener Architekten für die Möbel, Landschaftsarchitekten, Künstlern. Ein Jahr vorher hatte Meili zusammen mit Roger Diener, Jacques Herzog und Pierre de Meuron das ETH Studio Basel gegründet und mit der Arbeit am ‹Städtebaulichen Portrait der Schweiz› begonnen. Er stand voll im Saft. Nach der Führung fuhren wir nach Zürich zurück und bei Bier und Tatarbrötli im alten Clipper-Haus erklärte er mir die Schweiz und die Architektur.

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