Gottfried Böhm blickt auf das Werk seines jüngsten Sohnes Paul. Vieles versteht er nicht mehr. Fotos: Real Fiction / Cineworx

Lust und Last der Dynastie

Der Film ‹Die Böhms – Architektur einer Familie› zeigt Lust und Last der Architektendynastie Böhm. Anlässlich des Tods von Gottfried Böhm zeigen wir den Film auf unserer Streaming-Plattform.

Gottfried Böhm ist der einzige deutsche Architekt, der den Pritzkerpreis zu Lebzeiten bekommen hat, 1986 war das. Sein Vater baute Kirchen zwischen Moderne und Expressionismus, seine Söhne Stephan, Paul und Peter zeichnen je ihre eigenen Projekte. Ihn, der ihre Zeichnungen und Modelle meist nicht versteht, nennen sie ‹Boss›. Lust und Last einer Architektendynastie – davon handelt ein Film des Regisseurs Maurizius Staerkle-Drux.

 

Alles überragendes Erbe: die Wallfahrtskirche in Neviges von Gottfried Böhm.

Auch Elisabeth Böhm war Architektin. Sie starb während der Dreharbeiten zum Film.

Er beginnt mit einem gebauten Gebirge. Die Wallfahrtskirche Neviges, nahe Köln, ist unerreichter Höhepunkt der Böhmschen Architektur. Bedrohlich überragt dieses Erbe von 1968 das Werk der Söhne. Alle drei arbeiten im grossväterlichen Haus, vor dem ein bärtiges Faktotum seit einem halben Jahrhundert Rasen mäht. Ein modernistisches Refugium im Kölner Villenquartier, ein Ort ohne Zeit. Die Mutter prägte die Söhne. Diese umkreisen den Vater, unfähig, sich von ihm zu lösen. Ihr Gravitationszentrum. Ein Gebirge.

Menschen interessieren den Regisseur mehr als Gebäude. Siebzig Jahre jünger blickt er zärtlich auf das alte Paar, neugierig auf die Söhne. Sein Blick deckt auch Ängste auf und Neid. Wo andere Kinder Bretter zusammennagelten, mauerten die Böhmkinder perfekte Häuschen, ein ganzes Dorf mit Kirche. Heute ringen sie um Aufträge, auch gegeneinander. Der eine Bruder baut, der andere nicht. Gottfried erzählt von der Last des grossen Vaters, der ihn als Nachfolger bestimmte. Und erzählt damit auch von der eigenen Last als Vater und von der seiner Söhne.

Die grosse Moschee in Köln von Paul Böhm wartet noch immer auf ihre Fertigstellung.

Stephan Böhm.

Die Kamera nimmt sich viel Zeit, folgt seinem Bleistift beim Schummern, seiner Rasierklinge beim Kratzen. Ein Mittneunziger beim Versuch, die irgendwann verloren gegangene Mitte festzuhalten. Er zeichnet expressionistische Idealstädte, kleine Häuser, die sich um ihre Stadtkrone scharen, eine Kirche, ein Rathaus, ein Theater. Währenddessen ringt Peter um Aufträge, Paul kämpft um die grösste Moschee Deutschlands, Stephan scheitert am Bau eines Krankenhauses in China, Mutter Elisabeth stirbt. Und der Boss springt ins ungeheizte Schwimmbecken des Hauses, wie es sein Vater schon immer tat.

Die Böhms - Architektur einer Familie (Trailer HD)

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