Licht, Loft, Freiheit

Die Pariser Architekten Lacaton & Vassal sind bekannt für grosse, günstige und raue Räume zum Wohnen. Ein Genfer Hochhaus ist ihr erstes Werk in der Schweiz. Es zeigt: Hier ist das nicht so einfach.

Fotos: Philippe Ruault

Die Pariser Architekten Lacaton & Vassal sind bekannt für grosse, günstige und raue Räume zum Wohnen. Ein Genfer Hochhaus ist ihr erstes Werk in der Schweiz. Es zeigt: Hier ist das nicht so einfach.

Bei manchen Schweizer Architekten haben Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal Kultstatus. Ihre ersten Werke machten sie Anfang der Neunzigerjahre zum Geheimtipp: Einfamilien- und Ferienhäuser mit verblüffend kleinem Budget, simpler Konstruktion, aber riesigem Wohnraum. Die Hälfte dieser 300-Quadratmeter-Häuser für 100 000 Franken bestand aus einem kunststoffumhüllten Wintergarten. Es folgten Sozialwohnungen nach dem gleichen Prinzip: billig, aber gross. Raum als Luxus. Später verwandelten sie bedrückende Wohnblöcke in luftige, lebenswerte Hochhäuser. Sie öffneten die Fassaden und stellten eine Schicht unbeheizter Wintergärten und Balkone davor – was weniger kostete als der schon geplante Abbruch und den Bewohnern viel Raum zur Aneignung gab. Dass der meistens mit Monobloc-Plastikstühlen möbliert war und nicht mit schicken Eames-Chairs, tat der Sache keinen Abbruch. Im Gegenteil. Es ist der Loft-Trick: Bei wenig Gestaltungswillen, viel Luft und rauer Pragmatik ist es egal, wie das Detail aussieht. Abgründiges nimmt man als lässig wahr, Hässlichkeit mutiert zu Charme. Architektur in der Schweiz funktioniert anders. Mit sackmesserkleinen Wohnungen verdichten wir unsere Städte, bauen teuer, solide und am liebsten massiv, planen jede Verbindung und überlassen keine Oberfläche dem Zufall. Die Schweiz ist also das genaue Gegenteil zur Lacaton-Vassal-Welt. Und das ist wohl einer der Gründe, warum sie hier bisher nicht gebaut haben, trotz ihres Ansehens in Kollegenkreisen und internationalen Preisen. Weil man sich immer nach dem sehnt, was man nicht hat, holte die ETH 2017 Anne Lacaton immerhin als ordentliche Professorin nach Zürich. Dieses Jahr wird sie emeritiert und stellt mit ihrem Büro ausserdem ein Hochhaus in Chêne-Bourg bei Genf fertig. Ihre Monobloc-Architektur in der Schweiz – kann das gut gehen? ###Media_2### Verführte Jury Das Hochhaus steht im Osten G...

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