Rem Koolhaas und Bernard Tschumi führten an der ETH eine engagierte Diskussion. Fotos: contessanally.blogspot.com / columbia.edu

Koolhaas und Tschumi im Gespräch

Am Mittwochabend sprachen die Architekturikonen Rem Koolhaas und Bernard Tschumi an der ETH Zürich über ihr Schaffen.

Der Andrang war enorm, das Auditorium an der ETH Hönggerberg sowie mehrere Übertragungssäle zum Bersten voll. Nicht alle Tage treffen zwei so profilierte Leitfiguren der Architektur aufeinander und plaudern aus dem Nähkästchen. Die beiden Wahlnewyorker diskutierten engagiert und zeigten eindrücklich, warum sie nicht nur renommierte Architekten, sondern auch brillante Denker und Theoretiker sind. Sie hörten einander aufmerksam zu, verglichen ihre Projekte und sprachen offen über ihre Ansichten. Es war vor allem Koolhaas, der seinen Kollegen immer wieder nach seiner Meinung fragte und nachhakte. Das Gespräch liess den Zuhörern keine Verschnaufpause und streifte unzählige Themen. Kaum war ein Aspekt angeschnitten, peitschte Moderator Stefan Trüby die beiden zum nächsten. Bei der Komplexität der Materie blieb dabei der ein oder andere Gedanke in der Luft hängen.

Die Diskussion verlief entlang der verschiedenen Stationen, an denen sich die Wege der beiden Architekten kreuzten. Zu Beginn wurden sie nach ihrer Beziehung zur Schweiz gefragt. Tschumi kehrte dem Land nach dem Studium den Rücken, er fühle sich komischerweise aber wieder stärker angezogen. Koolhaas interessieren vor allem die drastischen Veränderungen in der Schweiz. Er verglich die «geisterhafte Realität» ausgestorbener Kernzonen mancher Dörfer mit jener in Dubai. Neben der Architektur verbindet die beiden auch ein grosses Interesse für Film. Koolhaas hat früher Drehbücher geschrieben und auch für Tschumi spielten die bewegten Bilder eine grosse Rolle seit seiner Kindheit. «Mit 18 hatte ich jeden Film gesehen, der in der Geschichte des Kinos von Bedeutung war», sagte er. Film war für beide ein Mittel, um sich intensiv mit Architektur und Raum zu beschäftigt.

Nächste Station war der Mai 1968 in Paris: Beide weilten damals in der Stadt, Koolhaas als Journalist und Tschumi als Praktikant in einem Architekturbüro. Rückblickend meinte Koolhaas: «Wir vergessen bei den 60er Jahren, wie überraschend offen das System war.» Ein kurzer Brief habe ihm genügte, um eine Woche später als Journalist für eine Zeitung zu schreiben. «Die Schönheit der Periode ist nicht so sehr die Rebellion, sondern wie zugänglich alles war.» Tschumi war im Mai 68 auf der Strasse und wurde gar einmal verhaftet. Der Umbruch habe es seiner Generation erlaubt, alles in Frage zu stellen – mit weitreichenden Folgen auch für die Architektur. In den 70er Jahren zogen die beiden 1944 geborenen Architekten nach Manhattan, wo sie am Institute for Architecture and Urban Studies unter Peter Eisenman wirkten. Eisenman hätte nur mit ihm spielen wollen, erklärte Koolhaas, seriös über Architekturtheorie hätten sie kaum gesprochen. Auch Tschumi meinte, die Meinungsunterschiede seien zu gross gewesen, erst zehn Jahre später habe man darüber diskutiert. 

Die Diskussion drehte sich auch im weiteren Verlauf weniger um konkrete Projekte, sondern darum, was die Architektur beeinflusst und was sie bewirkt – Themen, die im globalen Architekturwetteifer in den Hintergrund geraten. Heute seien Ikonen gefragt, alle eiferten dem Bilbao-Effekt nach, bedauert Tschumi. Jede Stadt wolle ein Gebäude, das gut aussehe. Was es aber bewirke, sei nicht von Belang, so Tschumi. «Es herrscht der generelle Konsens, dass Städte Ansammlungen von individuellen Objekten sind.» Koolhaas bemängelte den fehlenden Zusammenhalt in der Architektur. Der Dekonstruktivismus sei die letzte Architekturbewerbung gewesen, sagt er. «Heute sind alles einsame Atome im Raum, das ist tragisch.» Auch Tschumi beängstigt die «komplette Fragmentierung jedes möglichen Gedankenvorgangs» in der heutigen Zeit. Nach zweieinhalb Stunden theoretischer Diskurse und biografischer Vergleiche war das Gespräch vorbei. Den Zuhörern rauchten die Köpfe, für die beiden Architekten aber schien der Abend ein kurzer gedanklicher Spaziergang gewesen zu sein.

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