Die Wohnüberbauung BGK von Stanislaw Ziolowski (1938) ist eine der Perlen der Moderne in Gdynia. Fotos: Werner Huber

Im Fokus der Moderne: Gdynia

Die Stadt Gdynia an der polnischen Ostseeküste weist eine Dichte moderner Bauten auf. Bereits zum dritten Mal hat die Stadt den Kongress «Modernismus in Europa – Modernismus in Gdynia» durchgeführt. Hochparterre war vor Ort.

Die Stadt Gdynia an der Ostseeküste entstand in der Zwischenkriegszeit als Hafen des nach dem Ersten Weltkrieg wieder entstandenen polnischen Staates. Gdynia lag im «polnischen Korridor», der dem Land einen unabhängigen Zugang zum Meer sicherte. Die Hafenstadt Danzig, nur wenige Kilometer weiter östlich gelegen, sollte als «Freie Stadt» unter der Obhut des Völkerbundes eben diesen Zugang zum Meer gewähren, doch waren Konflikte an der Tagesordnung. Ab Anfang der Zwanzigerjahre wuchs deshalb aus dem kleinen Fischerdorf Gdynia eine neue Stadt heran mit einer Dichte an modernen Bauten, wie man sie sonst in Polen nirgends findet.

Gdynia ist sich dieses Erbes bewusst, pflegt es und hat auch entsprechende Stadtrundgänge zusammengestellt. Und bereits zum dritten Mal hat die Stadt in der letzten Woche den Kongress «Modernismus in Europa – Modernismus in Gdynia» durchgeführt. Für Hochparterre war ich vor Ort und mit einem Beitrag präsent.

Vierzig Rednerinnen und Redner aus ganz Europa hielten ihre Beiträge an der diesjährigen Ausgabe, die die Architektur des zwanzigsten Jahrhunderts bis zu den Sechzigerjahren und deren Erhalt in den Fokus rückte. Das Programm war also reich – etwas zu reich sogar – befrachtet; es war kaum möglich, allen Vorträgen mit der gleichen Aufmerksamkeit zu folgen. Man musste eine Auswahl treffen. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir drei Beiträge: Malgorzata Rozbicka, Professorin an der Politechnika Warszawska, präsentierte Beispiele von polnischen Holzbauten aus der Zwischenkriegszeit. Es war überraschend, zu sehen, welche Vielfalt an solchen Objekten es gibt, und wie damals Bausysteme entwickelt wurden. Jeremie Hoffmann, der Direktor des Denkmalschutzamts von Tel Aviv skizzierte die Geschichte der «Weissen Stadt» und stellte Lösungsansätze zu deren Erhalt und Restaurierung vor. So ist es beispielsweise Besitzern von Denkmalschutzobjekten möglich, die Ausnützungsreserven ihrer Parzelle weiterzuverkaufen. So nimmt der Druck auf das Objekt ab und es kann restauriert werden. Und schliesslich wartete Edward Denison von The Bartlett School of Architecture in London für viele mit einer Überraschung aus Eritrea auf: der während der italienischen Kolonialzeit geplanten Hauptstadt Asmara.

Am Nachmittag des zweiten Konferenztages, schon mit reichlich Verspätung, war Hochparterres Beitrag an der Reihe: «Modernismus in der Schweiz: der Umgang mit modernen Bauten in Zürich». Ausgangspunkt war die Ausstellung «Um 1930 in Zürich. Neues Denken. Neues Wohnen. Neues Bauen», die 1977 die Moderne erstmals wieder aufs Tapet brachte. Ihr Auslöser war damals der drohende Abbruch der Rotachhäuser. Anhand von vier Beispielen – Siedlung Neubühl, Zett-Haus, Kongresshaus, Hallenbad City – stellte ich dar, wie die Bauten der Moderne zur Entstehungszeit aufgenommen wurden und wie sich deren Wahrnehmung mit der Zeit verändert hatte.

Der Aufenthalt in Gdynia war auch der Anlass, eine Besichtigung vor Ort einzufädeln. Angedacht ist eine Hochparterre-Reise im nächsten Frühjahr in die «Dreistadt» Danzig, Sopot, Gdynia, angereichert allenfalls mit einem Abstecher nach Kaliningrad. Wer darüber informiert sein will, meldet sich bei mir: huber@hochparterre.ch.

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Kommentare

Peter Sägesser 25.09.2012 14:15
Gdynia, Sopot und Danzig bilden zusammen die sogenannte Dreistadt (Trójmiasto). Es lohnt sich für den Architekturinteressierten alle Stadtteile zu besuchen, wie die Webseite www.ostarchitektur.com zeigt. Ein ebenso dichtes Ensemble polnischer Moderne findet sich in der südpolnischen Stadt Katowice.
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