«In unserem Semester haben wir gelernt, wie viel es zu entdecken gäbe.» Elli Mosayebi Fotos: Anja Wille
In Zusammenarbeit mit EnergieSchweiz

«Ich suche nach dem architektonischen Potenzial»

Die ETH-Professorin Elli Mosayebi möchte Energiequellen im Entwurf sinnlich erfahrbar machen. Am Donnerstag, dem 17. September, diskutiert sie mit anderen an der HSLU die Möglichkeiten, die darin liegen.

Ihr Entwurfskurs im Frühjahrssemester 2019 hiess ‹Das produktive Haus›. Die Studierenden sollten dort Wohnhäuser aus den Prinzipien einer bestimmten Energieressource neu denken. Ist das gelungen?
Elli Mosayebi: Es war ein tolles Semester. Als ich vor zwei Jahren an die ETH gekommen bin, wollte ich mit Experten aus verschiedenen Richtungen zusammenarbeiten, die ein anderes Interesse an Architektur mitbringen. Ich möchte wissenschaftliche Expertise und künstlerische Fiktion zusammenbringen, um mich mit neuen architektonischen Themen auseinanderzusetzen. Wir haben mit Arno Schlüter und seiner Professur für Gebäudetechnik zusammengearbeitet und uns gefragt: Wie kann man etwas Unsichtbares und Technisches wie Energie sichtbar machen? Wir wollten ausloten, wie sich deren Quelle auf die Art des Wohnens auswirken könnte. Was dabei herauskommt, wussten wir nicht. Wir waren uns aber sicher, dass es nicht das ist, was wir kennen.

Warum das Thema Energie?
Die Energiefrage ist brisant. Ich wollte sie ernsthaft stellen und nach dem architektonischen Potenzial suchen. Mich verwundert es, wie wenige Architektinnen und Architekten das tun. Die Idee der autonomen Architektur, wie sie die letzten Jahrzehnte in der Schweiz geprägt hat, war sehr erfolgreich. Und natürlich spielen Referenzen im Entwurf noch immer eine Rolle. Aber es ist auch etwas geschmäcklerisch geworden. Der Weg, Fakten mit Fiktionen zu verbinden, erschliesst neue architektonische Themen, die sich in der Raumform und in der Materialwahl äussern. Bei vielen technischen und physikalischen Fragen bist du zunächst Amateurin. Dann entdeckst du Zusammenhänge. Es war extrem lustvoll und poetisch.

Im Herbstsemester 2019 stellte die Professur die Aufgabe, Hochhäuser als polyfunktionale Türme zu entwerfen. Das Projekt von Lukas Brusch und Julian Meier wendet das Prinzip eines Pumpspeicherkraftwerkes auf ein Hochhaus an

Wie sind Sie vorgegangen?
Bei der Vorbereitung des Semesters haben wir uns überlegt, welche sauberen Energiequellen es gibt und wie wir sie für die Architektur produktiv machen könnten. Dann haben wir für die Erdwärme, die Sonnenenergie und die Abwärme von Rechenzentren, für Strassen oder Tunnel verschiedene Narrative geschrieben. Eines davon beschrieb, wie viele Photovolatikpanels die Schweiz braucht, um energieautark zu werden. Daraus entstand eine Reihe keilförmiger Hochhäuser. Ein anderes machte die Abwärme eines Autotunnels sichtbar, mit Gebäuden, die als ‹Zapfsäulen› ein Quartier mit Energie versorgen. Die Recherchearbeit haben wir vorab am Lehrstuhl geleistet und darauf die Narrative formuliert. Im aktuellen Semester ‹Das dauerhafte Haus› machen das die Studentinnen und Studenten im Semester.

Sie stellen das Arbeiten mit Referenzen infrage. Lohnt sich der Blick in die Baugeschichte beim Thema Energie nicht?
Doch, unbedingt. Es fängt ja schon beim ganz einfachen, vernakulären Bauen an. Dort kann man lernen, wie man Energie speichert oder wie man suffizient damit umgeht. Ein Studentenentwurf arbeitet mit der uralten Erfindung der Solarkamine. Bei der Beschäftigung mit Energiethemen stösst man schnell auf archetypische Lösungen. Die Auseinandersetzung mit der Baugeschichte ist weiterhin sehr wichtig. Wir müssen wissen, was gemacht wurde, um selbst einen Beitrag zu leisten.

Was ist mit ‹Narrativ› gemeint?
Im Entwurf verstehe ich das Narrativ als eine Gegenidee zum Konzept. Konzepte operieren mit Bildern, Diagrammen oder Metaphern, alles einem Ordnungsprinzip gehorchend, also top-down. Ein Narrativ geht stattdessen vom Kleinen ins Grosse. Es folgt dem sprichwörtlichen roten Faden, der viele Wendungen nimmt, ohne zu zerreissen.

Ein 5600 Tonnen schwerer Ring aus Beton und Gärten wird nach oben gezogen und gibt später die dafür gebrauchte Energie wieder frei.

Vorbild für die farbigen Projektzeichnungen ist die persische Miniaturmalerei. Was ist der Grund dafür?
Durch die Leuchtkraft der einzelnen Farben verlieren persische Miniaturmalereien trotz ihrer Detailfülle nicht an Prägnanz. Auch unsere Zeichnungen leben von einer Fülle von Bild- und Textfragmenten. Sie schaffen es, in einem Bild komplexe Zusammenhänge herzustellen, und zeigen so die Fiktion. Es geht um Details, aber auch ums Ganze.

Die Jugend auf der Strasse hat uns aufgefordert, die Fakten anzuerkennen und zu handeln. Der Notstand ruft nach pragmatischen, schnellen Lösungen. Haben wir Zeit für Fiktionen?
Wir sind keine Wesen, die nur pragmatisch oder nur moralisch entscheiden. Wir stellen diese anderen Wohnlandschaften her, um Sehnsüchte zu erzeugen. Bisher ist die Arbeit mit Energie vor allem moralisches Müssen. Erst wenn es als etwas Positives wahrgenommen wird, etwas Wünschenswertes, erst dann werden wir uns – Architekten wie Bauherren – dem zuwenden.

Die Projekte haben utopischen Charakter, indem sie sehr gross sind oder neue Formen des Zusammenlebens erfinden. Sind die Fiktionen Utopien?
Die Studierenden haben Lebensmodelle aufgezeigt, von denen wir träumen. Aber es sind Zukunftsvisionen, die auf Berechnungen beruhen. Meiner Meinung nach muss sich die Lehre in einem akademischen Rahmen wie der ETH als forschendes, experimentelles Format sehen. Zusammen mit Wissenschaftlern und Künstlerinnen bewegen wir uns auf Feldern mit wenig Anknüpfungspunkten. Wir werden nicht berufen, um nur Dinge zu tun, die wir ohnehin schon können. Es geht auch darum, eine Denkfigur zu entwickeln, die sich der grossen Herausforderungen bewusst ist und agil genug, sich der ständig ändernden Bedingungen anzunehmen. Das ist der Grund, warum wir uns überhaupt mit solchen Themen befassen.

Manche der Entwürfe könnten aus einem Science-Fiction-Film stammen.
In ihrem Buch ‹Unruhig bleiben› schreibt die Wissenschaftstheoretikerin und Historikerin Donna Haraway über die Möglichkeiten von SF – was für sie unter anderem Science Fiction bedeutet. SF schaffe es, ganz unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen: Mythen eines Ortes, wissenschaftliche Erkenntnisse, historische Fakten – ganz so wie unsere Idee des Narrativs. Heutige Zukunftsentwürfe sind meist negativ getrieben – man hat Angst vor dem Klimawandel, Angst vor der Pandemie, Angst vor Ressourcenknappheit. Demgegenüber stehen positiv belegte Zukunftsvisionen, die Mut machen.

«Wie unterscheidet sich ein Haus, das nur über Sonneneinstrahlung erwärmt wird, von einem Gebäude, das die Abwärme eines Rechenzentrums nutzt?» Solche Fragen stellte sich die Professur Mosayebi im Frühjahrssemester 2019.

Würden Sie sagen, die Klimakrise habe einen Paradigmenwechsel in der Architektur angestossen?
Ja. An der ETH sieht man das. Kaum ein Entwurfslehrstuhl, der sich nicht mehr mit einer ökologischen Frage wie Umbau, Energie oder Recycling auseinandersetzt. Das hat sich in den letzten zwei Jahren stark verändert.

Im September erschien in der NZZ ein Beitrag, in dem Sie sich für die Gebäudetechnik als Gestaltungsmittel aussprechen. Er beruht auf den Erfahrungen des Semesters, gibt dem Thema aber einen technischen Drall. War das auch ein Stück Provokation gegenüber der technik-skeptischen, lowtech-gläubigen Architektenschweiz?
Ich bin nicht technikgläubig. Viele Probleme werden wir nicht mit Technik lösen können. Aber es ist erstaunlich, wie wenig entwickelt die Architektur auf diesem Gebiet ist. In unserem Semester habe ich gelernt, wie viel es zu entdecken gäbe. Gegen Lowtech spricht gar nichts. Aber es gibt auch die andere Welt: die Technik, Science-Fiction. Wir sollten aufhören, die eine gegen die andere auszuspielen.

Dieser Beitrag ist dem Heft Solaris #04 entnommen, im August 2020 erschienen in Hochparterres Heftreihe für Solararchitektur.

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