Philip Ursprung, Roger Diener, Luigi Snozzi, Ernst Gisel und Jacques Herzog sprechen über Gisels Bauten im Berliner Hansaviertel.

«Ich habe keine Hoffnung mehr für die Architektur und die Welt»

Ernst Gisel ist 90 und Luigi Snozzi 80 Jahre alt geworden. Die ETH nahm dies zum Anlass die beiden zur Podiumsdiskussion mit Roger Diener und Jacques Herzog einzuladen.

Ernst Gisel ist 90 und Luigi Snozzi 80 Jahre alt geworden. Philip Ursprung nahm dies zum Anlass die Jubilare zur Podiumsdiskussion an die ETH einzuladen. Dabei wurden nur indirekt die Lebenswerke dieser beiden wichtigen Protagonisten der Schweizer Architektur gefeiert, sondern unter dem Titel «Architektur in der Krise» vor allem ihr Schaffen zur Zeit der Wirtschaftskrise der 1970er Jahre thematisiert. Weiter Gäste auf dem Podium waren Jacques Herzog und Roger Diener.

Als Gisel - beschäftigt mit dem Bau von 1800 Wohnungen im Märkischen Viertel in Berlin - auf dem Höhepunkt seines Schaffens stand, lehrte Luigi Snozzi als Gastdozent an der ETH und erlangte mit seinen in der Ausstellung «Tendenzen» gezeigten Arbeiten Weltruhm. Herzog und Diener schlossen zu gleichen Zeit ihr Studium an der ETH ab.
Im Gespräch wurden die Verflechtungen zwischen den vier beleuchtet: Jacques Herzog und Pierre de Meuron studierten zusammen mit Gisels Sohn. Herzog erinnerte sich, wie sie gemeinsam in Gisels Ferienhaus in Rigi Kaltbach zeichneten. «Gisels Sohn sagte, sein Vater sei der beste Architekt der Schweiz. Wir hatte zu wenig Ahnung von Architektur um das beurteilen zu können, aber lernten durch ihn schnell Gisels Werk kennen. Seine Formenwelt war reich, dabei bodenständig und schweizerisch.» Und er ergänzte: «Snozzi ist mir in seiner intellektuellen Art näher, aber ich schätze auch Gisels Schweigen sehr.» Auch heute war Gisel wortkarg. Mitunter antwortete er auf die gestellten Fragen nicht oder nur kurz, sondern sprach über das, was ihm am Herzen lag. Auch Roger Diener erklärte Gisel und Snozzi zu Vorbildern: «In jungen Jahren gab es für uns nur wenige Helden in der Architektur – Gisel und Snozzi gehörten dazu.» Diener erlebte Gisel als Gastreferent in den Vorlesungen von René Furer an der ETH. Auch für Snozzi war Gisel ein Vorbild und « ... einer der wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Gisels Liebe zur Stadt hat mich geprägt. Selbst sein Haus in Vaduz ist wie eine kleine Stadt.»

Nicht so recht einlassen wollten sich die vier Gäste auf das Überthema der Veranstaltung - die Krise der 1970er Jahre. Gisel sagte, er habe sie persönlich kaum zu spüren bekommen, da er zu dieser Zeit grosse Wohnungsprojekte in Berlin und München baute und im Büro niemanden entlassen musste. Auch Luigi Snozzi sah die Krise der 1970er Jahre nicht als einschneidend in seiner Kariere an und sagte lachend: «Ich bin in einer permanenten Krise. Ich kann froh sein, wenn ich drei von hundert Wettbewerben bauen kann.»
Man solle viel mehr über die aktuelle Krise der Architektur sprechen, mahnte Snozzi. «Auf der Architekturbiennale habe ich mich wie ein Aussenseiter gefühlt. Prinzipiell fand ich Chipperfields Thema «Common Ground» gut, aber die Tendenz sich in einer Gruppe zu verstecken, ist das schlimmste, was passieren kann. So kommen wir nicht weiter.» Herzog bedauerte, dass in den 1970ern und heute viele Architekten ohne Arbeit sind. «In der Schweiz gibt es hingegen genug Arbeit für Architekten. Wir stecken hier jedoch in einer intellektuellen Krise. Die Moderne ist gescheitert und seitdem zeichnet sich kein Ausweg ab. Diese Krise ist ein Ausdruck für die allgemeine Lage unserer Kultur, um die es schlecht bestellt ist.» Auch Luigi Snozzi war pessimistisch: «Ich bin froh, dass ich schon 80 bin, denn ich habe keine Hoffnung mehr für die Architektur und die Welt.»

Dennoch war es ein vergnüglicher Abend. Vor allem Snozzis Schalk und Humor brachte den Saal zum Lachen. Trotz der negativen Prognosen dürfen wir uns daher schon auf ein Podium zu Luigi Snozzis 90. Geburtstag freuen.

 

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Kommentare

hane fischer 25.10.2012 20:15
..la vita e bella....
Hanruedi Bolliger Arch. ETH SIA SOFAS 16.11.2012 05:34
Schade, dass ich dieses Podium verpasst habe. Auch ich finde Gisel und Snozzi sind die besten Architekten der Schweiz. Es freut mich. dass Herzog und Diener ihre Studenten waren. Im Gegensatz zu ihnen und Loderer bin ich aber der Ueberzeugung, dass Architektur und die Welt eine Zukunft haben, z.B. durch Sonnen-Licht-Architektur, welche auch schon eine 40'000-jährige Geschichte hat. Diesen Winter will ich endlich mein Buch: "Bauen für das Leben-Ein leben für das Bauen" fertigschreiben.
Hanruedi Bolliger Arch. ETH SIA SOFAS 16.11.2012 07:10
Schade, dass ich dieses Podium verpasst habe. Auch ich finde Gisel und Snozzi sind die besten Arch. der Schweiz. Es freut mich dass Herzog und Diener ihre Studenten waren. Im Gegensatz zu ihnen und Loderer bin ich aber der Ueberzeugung, dass Arch. und die Welt eine Zukunft haben, z.B. durch Sonnen-Licht-Arch., welche schon eine 40'000-jährige Geschichte hat. Diesen Winter will ich endlich mein Buch: "BAUEN FÜR DAS LEBEN - EIN LEBEN FÜR DAS BAUEN" fertigschreiben.
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