Ein Stein, eine Siedlung: Baumschlager Eberle Architekten ziehen bei der Überbauung Ruggächern der ABZ in Zürich-Affoltern dieselbe Klinkerfassade über vierzehn Häuser. Fotos: Baumschlager Eberle Architekten

Hang zur Homogenität

Einheitliche Gebäudehüllen faszinieren. Doch ist eine Überbauung gross wie ein halbes Quartier, wird daraus Gleichmacherei. Ein Plädoyer für mehr Unterschiede.

Der diesjährige Fassadenaward «Prixforix» führt es wieder einmal vor Augen: Architekten mögen es homogen. Vom Sockel bis zum Dach, ob Eingang oder Schaufenster, vom ersten bis zum letzten Stein: Die Gebäudehülle zieht sich gleichförmig über das ganze Haus. Bei kleineren Gebäuden hat dies seinen Reiz. Die Gleichförmigkeit bindet die einzelnen Elemente des Hauses zusammen, gibt ihm Kraft und Stringenz, zeigt: Mit einer Idee hat der Architekt die Fassade von A bis Z im Griff. Auch bei Einzelbauten wie Hochhäusern leuchtet die homogene Hülle ein. Sie hebt den Turm als Objekt aus dem städtischen Kontext und gibt ihm eine Eigenständigkeit, die seiner besonderen Höhe entspricht. Bei grossen Überbauungen wird aus der Homogenität aber Gleichmacherei. Dasselbe Raster, dieselbe Idee prägt eine halbe Strassenflucht. Alle Eingänge sehen gleich aus, jede Ecke gleicht der nächsten. Das erschwert die Orientierung. Ob sie vor der richtigen Tür steht, erkennt die Bewohnerin erst an der Hausnummer. Mit der Einheitlichkeit verliert der Architekt den menschlichen Massstab. Der Besucher ist verloren vor so vielen gleichen Fenstern. Die Wucht der Repetition erschlägt ihn. Das schlichte Haus ist vor allem simpel: Es gibt nicht viel zu entdecken, eine Seite erklärt das ganze Gebäude. Das Phänomen verschärft sich in den letzten Jahren. Investoren legen kleine Parzellen zu riesigen Grundstücken zusammen und überbauen sie auf einen Schlag. Auch der Ruf nach Nachhaltigkeit begünstigt grosse Bauten und fördert Fassaden, die ohne Unterbruch vom Sockel bis zum Dach und rund ums Haus fahren. So wird das Projekt mit der Grösse aber nicht reichhaltiger, sondern gleichförmiger. Die Architekten zeichnen nur ein Fensterdetail und kopieren es über die ganze Siedlung. Viele Planer wollen zwar mehr entwerfen, doch der Bauherr sitzt ihnen mit dem Taschenrechner im Nacken: Er will nur einmal beza...
Hang zur Homogenität

Einheitliche Gebäudehüllen faszinieren. Doch ist eine Überbauung gross wie ein halbes Quartier, wird daraus Gleichmacherei. Ein Plädoyer für mehr Unterschiede.

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