Adolf Loos’ berühmtes Schlafzimmer von 1903, rekonstruiert für die Wiener Ausstellung. Fotos: MAK

Haben und Sein

Das Österreichische Museum für angewandte Kunst zeigt die Titanen der Wiener Moderne, Josef Hoffmann und Adolf Loos, und ihre dialektischen Wurzeln zwischen individuellem Gesamtkunstwerk und Industrieprodukt. Je näher die Ausstellung unserer Zeit kommt, desto beliebiger wird sie.

Der eine schaut proper durch den Zwicker, den Schnurrbart gezwirbelt, der andere trägt einen Nietzsche-Schnauz, sein Blick sticht dem Betrachter in die Augen: Josef Hoffmann und Adolf Loos. Das Österreichische Museum für angewandte Kunst (MAK) zeigt zu seinem 150. Geburtstag eine grosse Ausstellung über die beiden Titanen der Wiener Moderne. Ihre Gesichter verraten alles: Der Tausendsassa Hoffmann gründete Secession, Wiener Werkstätte und Werkbund, der Einzelkämpfer Loos ätzte in Zeitungsartikeln über ebendiese Institutionen. Hoffmann glaubte an die Kraft des kreativen Künstlers, Loos an die Kraft der grundlegenden Werte. Hoffmann schaffte moderne Kunst, Loos wiederum arbeitete an der modernen Kultur.Die Ausstellung präsentiert diese beiden konträren Wurzeln der Moderne um 1900 parallel: hier das individuell geschaffene Gesamtkunstwerk, perfekt gearbeitet aus Silber, Seide und Ebenholz; dort die unauffällig-braunen Möbel mit der Anschrift ‹Anonym nach englischem Vorbild›. Diese Dialektik kulminiert in zwei rekonstruierten Innenräumen: Goldene Quadrate überziehen in einem Schlafzimmer Hoffmanns Möbel und Stoffe; in Loos’ eigenem Schlafzimmer treibt das weisse Bett in einem Meer aus weissen Angorafellen und Vorhängen. Wir erfahren, auf welchem kulturellen Humus sich diese doppelte Suche nach dem modernen Individuum entwickelte: Industrialisierung, Historismus, Otto Wagner. Die Ausstellung folgt den Spuren über die beiden Heroen hinaus. Zum Beispiel Josef Frank, dessen Vermählung der beiden Richtungen das Museum Ende Jahr eine Retrospektive widmen wird. Doch je mehr sich die Ausstellung unserer Zeit nähert, desto beliebiger wird sie. Wir stehen vor Postmoderne und Readymade und vor aktuellen Ansätzen, die irgendwie mit den beiden Hauptprotagonisten zu tun haben sollen. Glaubt man den Kuratoren, steckt in uns heute mehr Loos als Hoffmann. Stimmt das?Und reicht das...
Haben und Sein

Das Österreichische Museum für angewandte Kunst zeigt die Titanen der Wiener Moderne, Josef Hoffmann und Adolf Loos, und ihre dialektischen Wurzeln zwischen individuellem Gesamtkunstwerk und Industrieprodukt. Je näher die Ausstellung unserer Zeit kommt, desto beliebiger wird sie.

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