Blockrand und gleichzeitig Solitär: das Verwaltungszentrum am Oberen Graben in St. Gallen. Fotos: Hanspeter Schiess

Goldenes Herz

Jessenvollenweider erweitern das Verwaltungszentrum Oberer Graben in St. Gallen. Zwei neue Häuser bilden zusammen mit zwei schmucken Altbauten einen «eingebauten Solitär».

Die Titelgeschichte von Hochparterre 4 / 2012 widmete sich dem Basler Architekturbüro Jessenvollenweider. Sein bisher grösstes Projekt, das Verwaltungszentrum Oberer Graben in St. Gallen, war damals noch im Bau. Zwei neue Häuser bilden zusammen mit zwei schmucken Altbauten einen «eingebauten Solitär», der die Blockstadt weiterbaut, sich aber auch als eigenständiges Gebäude behauptet. Diese Intention der Architekten konnten wir schon vor einem Jahr verifizieren. Auch die Wirkung der ornamentierten Fensterrahmen aus Baubronze, die innerhalb der ansonsten sachlichen Fassaden die Pracht der hundertjährigen Kontorhäuser aufnimmt: Ja, wir sahen einen zurückhaltenden und doch reichen Stadtbaustein.

Heute, nach dem Bezug durch mehrere kantonale Ämter, lässt sich auch das Raumkontinuum beurteilen, zu dem die vier Gebäude im Innern verschmelzen. Im Wettbewerb, der schon zehn Jahre zurückliegt, war das der Knackpunkt: Wie verbinde ich die unterschiedlichen Niveaus der Gebäude? Wie organisiere ich den Zugang zu so unterschiedlichen Bereichen wie dem Strassenverkehrsamt und den Schaltern des Migrationsamtes? Wie gewährleiste ich die Sicherheit der Mitarbeiter? Die Antwort auf all diese Fragen gab ein neues Treppenhaus, das die beiden alten ersetzt. Als räumlich offenes Zentrum schafft es Orientierung bis in den hintersten Gang. Golden strahlen seine Gitterstangen aus gelb verzinktem Stahl. Sie umfassen das Atrium im Treppenauge und trennen die unterschiedlich kurzen Treppenläufe sowie die beiden gläsernen Lifte vom Eingangsraum der Geschosse. Die einfache Drehung der Stahlbänder veredelt das billige Material und lässt das Tageslicht der Dachöffnung durch alle acht Geschosse fliessen. Verchromte vogelartige Objekte hängen im Atrium und reflektieren das Licht zusätzlich.

Die Materialisierung der weiteren Räume ist wesentlich zurückhaltender. Souverän treffen die Architekten das «gründerzeitliche Temperament» der Häuser: dunkler Terrazzo, unbehandelte Eiche für Türen, Fenster und Sockelleisten, geräucherte Eiche für Möbel und Einbauten, dunkles Linoleum auf den Büroböden, mattiertes Glas mit Ornament an den Schaltern. Auch mit den in dunklen Farbtönen gestrichenen Wänden der Eingangsräume unten und der Kantine ganz oben unterm Dach. Von der grossen Dachterrasse geht der Blick über ganz St. Gallen – doch wer verlässt schon freiwillig solche Räume?


Verwaltungszentrum, 2012

Oberer Graben 32, St. Gallen

– Bauherrschaft: Kanton St. Gallen

– Architektur: Jessenvollenweider, Basel

- Auftragsart: offener Wettbewerb, 2003

– Bauleitung: Norbert Dudli, Schällibaum, Wattwil

- Kunst am Bau: Adrian Hostettler, Hellraum, St. Gallen

- Gesamtkosten (BKP 1– 9): CHF 47,24 Mio.

– Baukosten (BKP 2 / m³): CHF 791.– / m³

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