Das Zentrum sprengt den Massstab des Quartiers, könnte aber Vorbote einer künftigen Entwicklung sein. (Foto: Werner Huber)

Fin de Chantier: Huckepack am Grossstadtrand

Grossstädtisch gibt sich Winterthur nur an wenigen Orten. Durchgrünte Siedlungen prägen das Antlitz der Gartenstadt. Der Neubau des Zentrums Rosenberg sprengt diesen Massstab.

Mit über 100 000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist Winterthur seit 2007 statistisch eine Grossstadt. Grossstädtisch gibt sich die Gartenstadt jedoch nur an wenigen Orten. Durchgrünte Siedlungen prägen ihr Antlitz. Der Neubau des Zentrums Rosenberg sprengt diesen Massstab. Auf einem zweigeschossigen Einkaufszentrum sitzen vier Wohnhäuser, alles zusammen in eine mit unregelmässigen Noppen überzogene Betonfassade gekleidet. «Warzen» nennen dies die einen, von «perlendem Champagner» sprechen die Architekten. Diese einheitliche Fassade bindet die unterschiedlichen Nutzungen in eine Grossform ein. Leisetreterei war nicht die Sache der Architekten, das Raumprogramm liess das auch nicht zu. Die breite Schaffhauserstrasse erträgt das grosse Volumen gut, markant ist der Massstabssprung gegen die Seuzacherstrasse. Über den Schrebergärten am Stadtrand, den «Pünten», ragt das Zentrum auf wie eine Festung. Doch Winterthur ist im Umbruch. So ist es durchaus möglich, dass es kommt, wie die Architekten sagen: Die «Pünten» werden dereinst überbaut und in den angrenzenden Siedlungen werden höhere Häuser die niedrigen ersetzen.
Das Einkaufszentrum — der Standort geht auf ein ABM-Warenhaus zurück — ist auf zwei Ebenen an die Strasse angeschlossen und mit Parkebenen unterlegt. Schief stehende Stützen, schräg angeschnittene Ebenen und trichterförmige Lichtkanonen mögen Erinnerungen an Daniel Libeskinds Westside in Bern wecken; dessen räumliche Virtuosität wird allerdings nicht erreicht. Nicht nur die Ausmasse des Rosenbergs sind bescheidener, auch seine Funktion: Es ist ein Einkaufs-, kein Freizeitzentrum. Die Mall ist weiträumig, das Angebot ist auf einen Blick zu erfassen. Das klassische Shoppingcenter-ABC mit einer zwischen zwei Ankermietern aufgespannten, verwinkelten Mall siehe Titelgeschichte HP 10 / 10 hat man hier nicht befolgt — dafür ist der Rosenberg mit Migros und 38 anderen Geschäften wohl zu klein. Am Boden der Mall liegt Industrieparkett, ein Lichtband fasst die Ladenfronten zusammen und die gelben Lichtkanonen setzen farbliche Akzente. Blickfang sind die schräg verlaufenden, 11 Grad überhängenden Glaslifte.
Die 151 Wohnungen über dem Ladenzentrum blicken auf drei begrünte Zwischenräume. Breite Treppen binden die Wohnüberbauung an die Stadt an. Wer die Stufen unter die Füsse nimmt, wird mit einem Ausblick belohnt: die Grossstadt hier, die «Pünten» dort.

Zentrum Rosenberg, 2011

Schaffhauserstrasse 152, Winterthur
–  Bauherrschaft: Genossenschaft Migros Ostschweiz (Einkaufszentrum), Anlagestiftung 
der UBS-Personalvorsorge (Wohnungen)
–  Architektur: Atelier WW Architekten, Zürich
–  Schräglift: Emch Aufzüge, Bern
–  Kosten (BKP 1–9): CHF 150 Mio.

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