Der Zugang zum Grossratsgebäude ist mehr Skulptur als Gebäude. Das Dach scheint auf der Wappenscheibe zu balancieren - erst auf den zweiten Blick erkennt man die Stütze rechts. Fotos: Ralph Feiner

Fin de Chantier: Gleicher Weg für alle

«Equiliber» nannte Architekt Valerio Olgiati seinen Beitrag für die Neugestaltung des Eingangs zum Grossratsgebäude in Chur, den er zusammen mit seiner Ehefrau Tamara Olgiati entworfen hatte.

Er sah vor: eine Rampe mit einem Dach und einer Scheibe als Säulenelement, alles in weissem Sichtbeton. Damit gewann das Architektenpaar aus Flims den Wettbewerb.
Das war im Dezember 2007. Doch ein gutes Jahr später war alles aus dem Gleichgewicht geraten. Der Grund lag im Beton. Nicht nur Löcher habe es im weissen Sichtbeton, hat Valerio Olgiati in einem Interview mit der «Südostschweiz» moniert, sondern auch «Kiesnester, sogenannte Lunkern, also eine Art aufgeplatzte Blasen». Doch damit nicht genug. Es gebe auch «abgebrochene Kanten, Verfärbungen an der Oberfläche und Massdifferenzen von bis zu vier Zentimetern gegenüber den Plänen.» Kurz: ein Pfusch. Der Architekt forderte die Behebung der Mängel oder notfalls den Abbruch des betonierten Neuzugangs zum Parlamentsgebäude.
Das war im August 2008. Es folgten: Diskussionen (fruchtlos) und eine Klage Valerio Olgiatis beim Kantonsgericht (chancenlos). Schliesslich konnte weitergebaut werden. Aber wie? Einfach kosmetisch sanieren, wie Baumeister Lurati das wollte, oder neu betonieren? Inzwischen wissen wir es: Die beanstandete Rampe aus Sichtbeton wurde teilweise wieder abgetragen und neu betoniert. Und wo Verfärbungen aufgetreten und die Kanten abgebrochen waren, wurde neu eine Deckschicht aufgetragen.
Das geschah im vergangenen Mai. Inzwischen ist Churs «Unvollendete» vollendet. Bereits im Juni konnten die Bündner Parlamentarier ihr Haus zu Sessionsbeginn erstmals über den neuen Zugang betreten. Doch nicht nur sie. Denn ob Parlamentarierin, Besucher oder Behinderte: Alle benützen den gleichen Weg. Er führt über eine leicht geneigte, zweiläufige Rampe vom Theaterplatz her zum bestehenden Eingang. Das rund neunzig Tonnen schwere Vordach balanciert scheinbar auf einer leicht abgedrehten Scheibe in der Form eines Wappens. Eine moderne Skulptur hat das Architektenpaar vor den Eingang gestellt, die sich unbekümmert vor der Neu-Renaissance-Fassade des alten Gebäudes in Szene setzt. Marco Guetg, Fotos: Ralph Feiner

Eingang Grossratsgebäude, 2010
Masanserstrasse 3, Chur
- Bauherrschaft: Kanton Gaubünden
- Architektur: Tamara und Valerio Olgiati, Flims
- Baumeister: Lurati & Co., Chur
- Anlagekosten: CHF 670 000.–
- Auftragsart: Wettbewerb (eingeladen)

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