«Vanitas», Damaris Baumann, Markus Urbscheit, Etienne Gröpl (Foto: Marius Affolter)

Es riecht nach Veränderung

Bis Oktober holt Lausanne das Dunkel ans Licht. An 31 Ausstellungsorten entlang der Buslinie 9 schärft ‹Lausanne Jardins 2019› das Bewusstsein für das Erdreich.

Nicht versiegelte Flächen sind ein rares Gut in heutigen Städten. Obwohl unsere Ressourcen direkt oder indirekt vom Erdreich abstammen, überziehen wir es mit Beton und Teer, als ob wir unsere Abhängigkeit leugnen möchten. Die sechste Ausgabe des Festivals Lausanne Jardins denkt über die Wichtigkeit des unbedeckten Erdbodens in den Städten nach. In einem Spaziergang entlang einer historischen Tramlinie werden sich die Besucher nicht nur darüber bewusst, wo das Erdreich sich noch ausleben darf, sondern treffen vor allem in der Innenstadt Lösungen an, die versuchen die eintönig asphaltierte Stadt zu überwinden. Kuratorin Monique Keller schreckt nicht davor zurück, wüste Ecken von Lausanne zu Ausstellungsorten zu küren, um sie zu verbessern. Die Botschaft: Wir müssen Sorge halten zum Erdboden, denn er beeinflusst das Klima, die Feuchtigkeitsregulation und das Wohlbefinden in unseren Städten. Dazu nehmen internationale Wettbewerbsteilnehmer, Studierende der ECAL und HEPIA sowie Lausannes Stadtgärtner die Schaufeln in die Hand und transformieren den Stadtspaziergang in ein wahres Sensorium. Mit sparsamen Mitteln und erfinderischen Lösungen erobern die Projekte den öffentlichen Raum und fördern Bedürfnisse zu Tage, die die Nutzer selbst noch nicht erkannt haben. Lausanne Jardins zeigt eine neue Stadt. Eine Stadt, die unsere Triebe wieder aufleben lässt, die uns ermuntert, mehrere Perspektiven einzunehmen, genau hinzuhören und auf Linien über Steine zu laufen. Fast könnte man meinen John Brinckerhoff Jacksons «The Imitation of Nature» habe als Manifest gedient. Darin beschreibt er die Stadt als Ort der Symbiose, an dem nicht nur Beziehungen zwischen Menschen im Vordergrund stehen, sondern auch jene zwischen dem Menschen und den Kräften der Natur. Er ermutigt uns, den Menschen als hoch sensiblen biologischen Organismus ernst zu nehmen und damit auch sein natürliches Bedürfnis nach sensorischer Befriedung. Denn ob wir uns dessen gewahr sind oder nicht, unser Körper passt sich ständig an seine Umgebung an. Unser grundlegendes Konzept der Welt und der Umgebung entsteht durch unsere Sinne. Eben diese Sinne werden in der Natur am besten stimuliert, woraus Jackson folgt, dass die Lösungen zu Problemen der wachsenden Stadt in der Imitation von Landschaft zu suchen sin

Wir präsentieren fünf Projekte von Lausanne Jardins, die die Sinne anregen:

Hören
Das Team Sol (Susann Ahn, Philipp Urech und Matthias Vollmer) hat gemeinsam mit Anatol Bogendorfer ein Instrument geschaffen, das einen «topografischen Dialog» ermöglicht. Zwei Hörrohre tauchen von der Strassenebene hinab zum kaum sichtbaren Bach, der unter der Strassenkreuzung hindurchfliesst. Wie mit einer Muschel am Ohr tauchen die Passanten in eine aquatische Welt ab und vertauschen für einen Moment den Verkehrslärm mit dem Wasserrauschen. Die Installation soll den vergessenen Ort in den Alltag zurückholen und die Menschen wieder mit dem Bach verbinden, der uns nur mit seinen Lauten an die stetigen Veränderungen der Natur erinnert, denen wir unterliegen.

«Echappement fluvial», Susann Ahn, Philipp Urech, Matthias Vollmer, Anatol Bodendorfer (Foto: Stéphanie Gygax)

Schmecken
Wer sich selbst in den Untergrund begeben möchte, taucht beim zentralen Place Saint-François in die Passage végétal ab. Bahar Akgün, Philippe Grossenbacher und Lara Mehling lesen die Stadt als Garten. Eine ehemals dunkle Passage gestalten sie als Pavillon mittendrin. Aus der bedrohten Heilpflanze «Marrabium vulgare», die in Lausanne noch zu finden ist, leiten sie florale Motive ab, die sich während der Durchwanderung des Tunnels stetig verändern. Durch die eingezogene, beleuchtete Mashrabiya fühlt man sich wie in einem persischen Gartenpavillon bei Sonnenuntergang. Bei einem Tee aus der Heilpflanze denkt man an die seltenen Pflanzen, die sich in der städtischen Natur noch immer erfolgreich durchschlagen.

«Le Passage végétal», Bahar Akgün, Philippe Grossenbacher, Lara Mehling (Foto: Daniel Fuchs))

Fühlen
Nach dem leicht bitteren Erwachen der Geschmacksknospen gibt es oberirdisch für den Tastsinn etwas zu tun. Bacillus pasteurii, ein Bakterium, das Sand zu Stein verfestigt, ist in der Kirche Saint-François am Werke. Manon Briod, Florian Fischbacher und Mathieu Pochon haben das biologische Laboratorium eingerichtet um die zukünftige Steinzeit einzuläuten – die Zeit, in der sich Beton selbst repariert und Bakterien genutzt werden, um Terrain zu stabilisieren. Die wachsenden Steinblöcke ähneln zwar äusserlich der Kirchenmauer. Berührt man sie, ist ihre Konsistenz jedoch sonderbar zäh-weich. Durch die Berührung der Besucher erodiert der bakterielle Sandstein und wird zu einer Skulptur der Interaktion zwischen Natur und Mensch.

«Futur Âge de pierre», Manon Briod, Florian Fischbacher, Mathieu Pochon (Foto: Stéphanie Gygax)

Sehen
Sehen, was nicht sein darf. So könnte man die Intervention der Franzosen Pauline Houlon, Olivier Hachain und Estelle Bruaux betiteln. Sie nutzen die Kraft der optischen Illusion um uns Hügel und Täler auf der Grand-Pont vorzugaukeln. Ein grünes Mèche zieht sich über den Gehsteig und lässt eine Topografie aufleben, die man mit der Brücke überwunden glaubte. Die Beine werden ungeduldig beim Anblick, dass es endlich wieder mal etwas zu tun gibt als nur dem ebenen Strassenbelag zu folgen. Währenddessen denken die Autoren schon weiter und beschreiben eine Vision, in der diese Hügel aus Erde bestehen. So viel Erde, wie man für einen hängenden Garten auf der Brücke bräuchte.

«Un Jardin sur un pont, un pont sous un jardin», Pauline Houlon, Olivier Hachain, Estelle Bruaux (Foto: Stéphanie Gygax)

Riechen
Dass ein Garten nicht nur nach Blumen riecht, wissen Damaris Baumann, Markus Urbscheit und Etienne Gröpl. In Vanitas thematisieren sie das tote Gehölz der Stadt Lausanne, das nach seinem Schnitt spurenlos aus der Stadt entführt wird. Zurückgeschnittene Äste werden zu einem Mausoleum für Totholz aufgetürmt. Darin vollführen Käfer und Pilze das Ritual der natürlichen Zersetzung. Der Nährstoffkreislauf erinnert daran, dass der Einflussbereich des Erdbodens nicht unter unseren Füssen aufhört. Was wir an grünem Erholungsraum geniessen, hängt direkt mit der Qualität des Erdreichs zusammen.

«Vanitas», Damaris Baumann, Markus Urbscheit, Etienne Gröpl (Foto: Marius Affolter)

Der ungeladene Hauptdarsteller am Eröffnungstag war aber das Unwetter, das sich gegen Abend über Lausanne ergoss. Simpel und spektakulär zeigte es, wie sich die versiegelten Flächen in Bäche verwandeln, das Wasser sich neue Wege suchen muss anstatt zu versickern. Das Gewitter setzte die gesamte Ausstellung in einen grösseren Kontext und liess darüber sinnieren, warum es erst Ausstellungen braucht, um die Umgebung bewusst wahrzunehmen. Liegt es an der heute vorherrschenden Gestaltung unserer Städte? Ist die Stadt wirklich nur unserer Häuslichkeit und dem Verkehr verpflichtet – nicht auch unseren Sinnen? Riechen, schmecken, fühlen wir Veränderung?

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