Die Materialschlacht

Das LafargeHolcim Forum diskutierte in Kairo Materialien und Wege, um die Architektur vor dem Klimakollaps zu retten. Die Bauwut in der ägyptischen Wüste machte klar: Zeit für kleine Schritte bleibt keine.

«Being less bad is simply not good enough.»
Michael Braungart, William McDonough, «Cradle to cradle», 2002

1. Kapitel: Häuser züchten
Der Status quo ist für Mitchell Joachim nur ein Mangel an Imagination, eine vorübergehende Erscheinung. Der Gründer des Think Tanks Terreform One steht im Auditorium der American University in Kairo und bombardiert das Publikum mit verrückten Ideen. Er flechtet die Wurzeln von Bäumen zu Häusern, lässt essbare Stühle wachsen und Schmetterlinge in Fassaden nisten. «Unmachbarkeitsstudien» nennt der Berufsprovokateur die Projekte, die er in futuristische Formen und knackige Bilder überträgt. Joachim löst keine Probleme, er zeigt die Grenzen unserer Vorstellung auf.

Der Think Tank Terreform One will dereinst Häuser aus Bäumen flechten.

Ebenso unvorstellbar, aber unausweichlich sind die Herausforderungen, vor der die Bauindustrie und mit ihr die ganze Menschheit steht. Während die CO2-Zeitbomba tickt, verursacht die Bauwirtschaft rund 50 Prozent der ganzen Grünhausgase. Alleine die Produktion von Zement macht sieben Prozent der menschgemachten Ausstosse aus, Baustahl nochmals weitere fünf Prozent. Zudem geht der Welt, wenn wir weiterbetonieren wie bisher, das Material aus. Die Schlagzeilen zum Kampf um Sand verdeutlichen: Es geht an die Substanz. Um Antworten zu finden, hat die LafargeHolcim Foundation in der ägyptischen Hauptstadt rund 300 der führenden Architekten, Bauingenieurinnen, Siedlungsökologen und Materialwissenschaftlerinnen aus 55 Ländern versammelt, darunter die Pritzker-Preisträger Lord Norman Foster und Alejandro Aravena. «Re-materializing construction» lautet das Motto. Das Re steht dabei für weniger, wiederverwertbare sowie neue und alte Materialien mit kleinem ökologischem Fussabdruck.

Wer traditionelle Bautechniken wiederbelebt, muss viel Überzeugungsarbeit leisten. Als Francis Kéré in Burkina Faso eine Schule aus Lehm statt aus Beton baute, wartete das halbe Dorf vergeblich darauf, dass die Mauern einstürzen. «Man kann die Leute nur überzeugen, wenn man ihnen das Resultat zeigt», sagte Kéré. Wer kein Material verwenden, lässt mehr für andere übrig. Die Architektin Anne Lacaton empfahl der Stadt Bordeaux einen Platz nicht umzugestalten, weil er doch ganz gut funktioniert. Eine Grosswohnsiedlung baute das Büro Lacaton & Vassal an, ohne dass die Mieter eine Kündigung erhielten. Die Erweiterung, die zu den fünf Finalisten des diesjährigen Mies Awards gehörte, kostete drei Mal weniger als ein Ersatzneubau, rechnete Lacaton vor. Wer sparen will, muss die Ökonomie verstehen.

Lacaton & Vassal Architekten erweiterten die Siedlung Grand Parc Bordeaux, während die Mieter in den Wohnungen blieben. (Foto: Philippe Ruault)

Doch umbauen oder nicht bauen ist keine Strategie für Städte, die es noch gar nicht gibt. Darum wird viel geforscht an Dämmstoffen aus Abfall, an Reisstärke als Bindemittel, an Bakterien, die Beton generieren. Die Grenzen der Disziplinen verwischen, während die Forscher versuchen, den Materialkreislauf zu schliessen. Da ist die deutsche Architektin Marcella Hansch, die mit einer schwimmenden Kläranlage Mikroplastik aus dem Meer filtern will. Da ist die Entwicklungshelferin Alexandria Lafci, deren NGO New Story in Lateinamerika Häuser für die Ärmsten aus dem 3D-Drucker presst. Da ist der Tüftler Phil Ross, der mit seiner Firma MycoWorks Lederarmbänder und Backsteine aus Pilzen züchtet. Und da sind die Arbeiten der Studenten, die von vertikalen Farmen in Singapur, von Miniwohnungen in Sao Paolo, von Asphalt aus Palmenfasern in Indonesien träumen. An Ideen mangelt es nicht, um die existenzielle Krise der Bauwirtschaft anzupacken.
 

2. Kapitel: Gartenstädte aus der Wüste stampfen

Rund um Kairo entstehen seit den 1970er-Jahren Wüstenstädte, die sich weder um das lokale noch um das globale Klima scheren.

Das Stadttor ist in der topfebenen Wüste von weit her zu sehen. Davor sprudelt Wasser unter einem Aquädukt, Fontänen sprühen das Nass in den Himmel, als gäbe es kein morgen. Willkommen in Madinati, einer von über 20 Satellitenstädten, die in Ägypten in den nächsten Jahren entstehen und die der Exkursionsbus am zweiten Tag ansteuerte. «Desert cities» werden in Kairo seit den 70er-Jahren aus der Wüste gestampft, um kein fruchtbares Land auf dem Nildelta zu vergeuden. Das Rezept hat sich seither kaum verändert. Statt dass die Häuser Schatten spenden wie in alten Wüstenstädten, wird es auf den breiten Strassen 50 Grad und heisser. 40 Kilometer ausserhalb von Kairo erzeugen die Schlafstädte gewaltige Blechlawinen, ein paar wenige Busse fahren erst seit Kurzem. Und die Dichte ist gering, viele der Wohnungen sind zudem gar nicht bewohnt. Sie dienen als Geldanlage für die Mittel- und Oberschicht, die sich gegen das labile ägyptische Pfund absichert.

Es sind Städte für Autos, nicht für Menschen. Und es sind Städte, die sich gegen das Klima stellen. Die Architektur hat nichts mit dem Ort zu tun, sie ist so künstlich wie die stählernen Palmen, als die sich die Handymasten tarnen. Viele der Siedlungen schotten sich mit Mauern nach aussen ab. Madinati geht noch weiter: Ein privater Entwickler baut die ganze Stadt für eine halbe Million Menschen, inklusive Schulen, Geschäftsmeile, Golfplatz und eigener Buslinie. Das einzige, was von der Regierung fliesst, ist das Wasser. Der Marketingleiter ist zufrieden, die Wohnungen in der «gated city» verkaufen sich gut.

Die Werbeplakate verkünden den Traum von Suburbia: «launching now, delivering this year».

Weiter draussen im ewigen Sand hat Ägypten noch grössere Pläne. Hier entsteht die neue Hauptstadt. Ein paar Moscheen und eine Kirche ragen einsam aus der Landschaft, daneben deuten Lampenreihen Strassen an, nächstes Jahr sollen die Beamten in die Neubauten umziehen. Wahrzeichen wird ein 250-stöckiger Glasturm, der höchste Afrikas. Dass der Zement dafür ausgerechnet von LafargeHolcim stammt, war nur einer der Widersprüche, die an der Konferenz zur Sprache kamen. Stolz präsentierte der Minister of Housing die Zahlen, während im Raum die Kinnladen nach unten gingen. Eine Million Wohnungen will er jedes Jahr errichten. Zeit, um sich Gedanken zum Klima, zum Baustoff, zur Mobilität zu machen, hat er keine. Schliesslich liefert der Westen die Schablone für seine Städte. Die Werbetafeln entlang der 12-spurigen Autobahn preisen neue Quartiere an, die «Mountain View» oder «Beverly Hills» heissen. Der amerikanische Traum von Suburbia: «Launching now, delivery this year».

Ägypten ist nur ein Beispiel für den unersättlichen Materialhunger der Metropolen in den Schwellen- und Entwicklungsländer, von Afrika über Indien bis China. Ein Paris wird pro Woche gebaut, ein New York City pro Monat. Während die immer gleichen Häuser endlos vorbeiziehen, dämmert es: Die Antwort auf diese Materialschlacht muss schnell kommen und sie muss in einem gewaltigen Massstab greifen. Sonst bleibt sie der sprichwörtliche Tropfen auf dem glühend heissen Stein. Speed und Scale lauten die beiden Zauberwörter, die während der Konferenz oft fallen. Wer auf beide keine Antwort weiss, hat mit seinem Vorschlag schon verloren, so visionär er auch sein mag.


3. Kapitel: Beton neu mischen

«Wir können nicht auf ein Wunder warten», sagte EPFL-Professorin Karen Scrivener am nächsten Tag. «Jede Lösung, die erst in 30 Jahren funktioniert, kommt zu spät.» Ihr Workshop diskutierte handfeste Massnahmen, keine hochfliegende Pläne. Der Bauingenieur John Orr rechnete vor, dass sich bis zu 50 Prozent des Materials einsparen liessen, wenn keine Fehler gebaut, effizienter konstruiert und die Statik weniger konservativ gerechnet würden. «Die Tragwerksnormen stammen aus der Geschichte», sagte er. «Ob sie tatsächlich angemessen sind, prüft niemand.»

Wer ansetzen will, wo es richtig einschenkt, beginnt beim Beton. In Indien und China steigen die Preise für Baustoffe schon heute. Materialwissenschaftler wollen darum Abfälle aus der Industrie oder Abbruchmaterial von Gebäuden beimischen und so den CO2-Ausstoss des wichtigsten Baumaterials der Welt um über 20 Prozent reduzieren. Im Zement für die Schweizer Botschaft in New Dehli zum Beispiel steckt Kalkstein, der in Indien in grossen Mengen verfügbar ist. Das Resultat soll belastbar und bezahlbar wie normaler Beton sein, versicherte Soumen Maity von Development Alternatives aus New Delhi. «Klimagerechter Beton muss sich rechnen, wenn er in Schwellenländer funktionieren soll.» Bruce King vom Ecologial Building Network will in San Francisco derweil ein Baugesetz verabschieden, das CO2-armen Beton vorschreibt. «Wenn die Politik das richtige Signal sendet, könnten wir in fünf Jahren Beton mit deutlich weniger Emissionen haben.»

Doch die Mächtigen haben all zu oft anderes im Sinn, Greta hin oder her. Und so wirkte es manchmal, als redeten die Fachleute in der Wüste mit sich selbst. Wo sind die Politikerinnen, die Investoren, die Unternehmer? Wo bleibt die CO2-Steuer? Verzweifelt forderte die Architektin Anna Heringer LafargeHolcim auf, den Preis für Zement endlich zu erhöhen. Der Konzern dürfte nichts dagegen haben, mehr Geld zu verdienen. Es sind keine bösen, sondern banale Kräfte, die uns in den Abgrund treiben. Die Kurzsichtigkeit der Märkte. Die Unkenntnis der Politiker. Die Vorbilder der Verschwendung. Die Hoffnung auf ein besseres Leben.

Am Ende der Konferenz redet Michael Braungart, der Vordenker der Kreislaufwirtschaft, den Anwesenden schwer ins Gewissen. «Wäre es nicht besser, wir würden Selbstmord begehen, und dafür könnten 50'000 Menschen in Ruanda überleben?» Keine Frage: Armut ist gut fürs Klima. Doch selbst wenn wir unserem luxuriösen Leben ein Ende machen, wer will den Ruandern in Zukunft den hohen Lebensstandard verwehren? Und warum an den imaginären Klimatod denken, wenn niemand den grössten Elefanten im Raum anspricht, notabene in einem Land wie Ägypten, dessen Population sich in einer Generation verdoppelt hat: Die Geburtenrate.

Mit dem Buch «Cradle to cradle» machten Michael Baumgart und William McDonough 2002 die Idee der Kreislaufwirtschaft einem breiten Publikum bekannt.

Nach drei Tagen in der Wüste ist vor allem eines klar: Die Sphinx beisst sich immer wieder in den Schwanz. Zu widersprüchlich ist das Thema, zu viele Haken und Abhängigkeiten gibt es. Wer Baustoffe wiederverwendet, sie aber über weite Strecken transportiert, hilft dem Klima unter dem Strich nicht. Wer Beton mit giftigen Abfällen anreichert, spart zwar CO2, schadet aber der Umwelt. Und wenn die EU verrottenden Plastik einführt, raubt sie den Ärmsten der Armen, die damit in Entwicklungsländern Geld verdienen, den Lebensunterhalt. «Wir müssen die Prozesse hinter dem Material verstehen», sagte Laila Iskandar, die ehemalige ägyptische Ministerin für urbane Erneuerung und informelle Siedlungen. Materialwissenschaft ist Sozialwissenschaft, so die Erkenntnis.

«Wir alle müssen dorthin, wo es unangenehm wird», forderte Phil Ross die Teilnehmer auf. Die Zeit für romantisches Gärtchendenken und zorniges Fingerzeigen ist vorbei. Gefragt sind Hightech und Handarbeit, Businessmodelle und Sozialkompetenz, leuchtende Vorbilder und langwierige Kleinarbeit. Dass ein digitaler Philippe Block mit einer analogen Anna Heringer zusammenspannt wie an der Konferenz, sollte die Regel, nicht die Ausnahme sein. Vielleicht wird es so gelingen, «künstliche Bäume» zu bauen, wie sie Michael Braungart nannte: Häuser, die Grünhausgase binden statt zu emittieren. CO2-neutral zu handeln reiche nicht mehr länger. «Wir müssen CO2-positiv denken.»

Die Reise für die Berichterstattung von der Konferenz wurde von der LafargeHolcim Foundation ermöglicht.

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