Bauernhof? Nein, ein Uni-Campus in China von Fotos: turenscape.com

Die grüne Revolution in China

Prof. Dr. Kongjian Yu aus Peking hielt ein Referat am Landschaftsarchitektur-Weltkongress. Wie uns China in Sachen Ökolgie links überholt.

Gerade erst hatte ich mich von der Nachricht erholt, in China würden im grossen Massstab Solarzellen produziert, die unseren in nichts nachstünden (gestern im «10vor10»), und dann das! Keynote Speaker Prof. Dr. Kongjian Yu am Landschaftsarchitektur-Weltkongress. Was erwartet man von einem Landschaftsarchitekten aus Peking, mit 600 Mitarbeitern und einer eigenen Hochschule? Genau. Und was kam? Ein Aufruf zur Revolution!

Der «little-feet-urbanism» seines Landes sei das Problem. Weckt bei uns die Kombination «kleine Füsse» und «Ökologie» positive Konnotationen (footprint!), so meint Yu etwas anderes: Seit jeher binden sich in China die Frauen ihre Füsse, zwingen sie in Kleinstschuhe und lassen sie so verkrüppeln. Diese Art von «Schönheit» steht in China für kulturelle Verfeinerung. Für Yu sind heute nicht nur die Füsse der Frauen vor lauter «Schönheit» deformiert, sondern auch die Gebäude und die Landschaft. Seine Lösung: «We need a new kind of taste! We need a big-foot-revolution!» Sein Lieblingsdia zeigt ein Milch trinkendes Mädchen im Mao-Look. Und mit schönen grossen Füssen! Er zeigt aber auch Felder statt Rasen, Fruchtbäume statt nur blühende, essbare statt Goldfische, Bestehendes nutzen statt Tabula Rasa, keine betonierten Kanäle mehr, sondern Flüsse in denen man schwimmen kann. Yu zeigt einen Uni-Campus, in dem die Studenten Reis ernten, er zeigt das Stahlgerippe einer Industriehalle, vor dem sich Hochzeitspaare fotografieren lassen, er zeigt Flussläufe, deren Bepflanzung verseuchtes Wasser filtert – seine Gärten und Anlagen zeigen eine Haltung, von der wir Europäer immer dachten, wir hätten sie dem Rest der Welt voraus. Nun überholt uns China links. Ausgerechnet China!

Yu marschiert mit den grossen Füssen chinesischer Bäuerinnen: Er erntet auf dem eigenen Balkon Gemüse, kühlt sein Wohnzimmer mit einer «living wall», einer Steinwand, über die Wasser tröpfelt und die ihr Erfinder demnächst als Produkt auf den Markt bringt. Auf einer von Yu regenerierten Industrieanlage marschieren Big-foot-Models im Tarnanzug, rostige Gleise dienen als Laufsteg, daneben wächst Getreide – die Naivität mancher seiner Bilder gereicht Yu nicht zum Nachteil. Schliesslich setzt er seine Ideen um, in allen Massstäben und mit der Geschwindigkeit, die seinem Land eigen ist. Er entwirft ganze Städte und i einem Ökomasterplan weist er sogar der ganzen Nation den Weg zurück zur Natur.
Szenenapplaus geben die vielleicht 1000 Zuhörer bei einer Fotomontage des Pekinger Olympiastadions. Das Innere des Birdsnests als nationaler Bauernmarkt mit Gemüse auf den Rängen und Sonnenblumen im weiten Rund. Ist das die blühende Zukunft Chinas? Oder ihre Karikatur? Vor dem Kongresshaus steht eine wirkliche Karikatur: Urban Gardeners zeigen auf einem Container, wie man in der Stadt Tomaten ziehen kann. Mitten in Zürich! Wie revolutionär!

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