Ulrich Weidmann nimmt als Mitglied der ETH-Schulleitung den riesigen Umschlag pflichtbewusst entgegen. Fotos: Claudia Moll

Dicke Post für die ETH

Pünktlich zum Frauenstreik erhielt die ETH Zürich am Freitag einen riesigen violetten Brief mit deutlichen Forderungen für die Gleichberechtigung der Geschlechter an der Hochschule.

Das Frauenstreikkollektiv der Zürcher Hochschulen hat einen offenen Brief an die Schulleitung der ETH verfasst. Er enthält deutliche Forderungen für die Gleichbereichtigung der Geschlechter an der Hochschule. Es ist ein langer Brief mit einer Liste klarer Vorschläge in den Bereichen Lehre, Umgang mit sexueller Belästigung und Elternzeit. Bei Berufungen etwa die Einführung einer Geschlechterquote für Shortlists und Berufungskommissionen. Im Fall von Belästigungen Anlaufstellen mit qualifizierten und von der ETH unabhängigen Beraterinnen und Beratern sowie die Möglichkeit zur persönlichen sowie anonymen Berichterstattung. Oder bezahlte Elternzeit von 38 Wochen, mit einem Vaterschaftsurlaub von mindestens 8 Wochen (OECD-Durchschnitt: 54 Wochen Elternzeit). Andere Hochschulen, mit denen sich die ETH gerne messe, verfügten schon über die geforderten Massnahmen, heisst es im Brief. Die bisherigen Schritte wie etwa der Gender Action Plan von 2014 hätten wenig gebracht. Die ETH müsse die Gleichberechtigung der Geschlechter nun effektiv angehen, und zwar mit einem Paradigmenwechsel: Weg von wirkungslosen Einzelmassnahmen hin zu einer gesamtheitlichen Strategie im Sinn des Gendermainstreamings. Also Geschlecht und Gleichberechtigung zum Querschnittsthema auf sämtlichen Ebenen erklären, sodass auch überall die Lebenssituationen, Voraussetzungen und Interessen aller Gruppen einbezogen würden. «Wir erwarten bis 2020 einen konkreten Vorschlag, mit welchen Massnahmen die ETH die anstehenden Herausforderungen in Bezug auf die Geschlechtergleichberechtigung angehen wird», schliesst der Brief.

1262 Personen haben den Brief bis heute unterzeichnet und am letzten Freitag um 10 Uhr übergab ihn das Frauenstreikkollektiv der Zürcher Hochschulen der Schulleitung. Ulrich Weidmann als deren Mitglied nahm die dicke Post pflichtbewusst entgegen. Die Aktion war gut inszeniert, sodass sich auch die ETH ein Stück davon hätte abschneiden können etwa mit einem offensiven Bericht in den eigenen Medien - immerhin hat sie langsam, aber sicher einen Ruf zu verlieren, nicht zuletzt in der Kommunikation. Doch offenbar getraut man sich nicht, zum schwierigen Geschenk auch zu stehen oder es gar als Unterstützung zu werten auf dem Weg zu endlich griffigen Massnahmen. Das zumindest lässt der Blick auf Website und Social Media-Kanäle der ETH vermuten. Dort prangte am Samstag zwar pünktlich zur Pride 2019 ein Bild des Hauptgebäudes mit Regenbogenflagge – auch gut. Vom offenen Brief und seiner Übergabe dagegen steht und sieht man bis heute nirgendwo ein Wort.

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