Angemessenheit, Bescheidenheit aber auch formale Ausschweifungen: Architekturkritiker Wolfgang Pehnt Fotos: DAM/dpa Picture Alliance

Der Schreiber spricht

Wolfgang Pehnt feiert seinen 80. Geburtstag. Mit Texten, Büchern und Radiobeiträgen prägte er die Entwicklung der deutschen Architekturkritik. Hochparterre-Redaktor Axel Simon sprach mit Pehnt über den Zustand unseres Metiers.

Es war eine Reise in die Vergangenheit. Während meiner Studienzeit pilgerten wir oft ans Museumsufer von Frankfurt. Im gegenüber liegenden Bankenviertel sind mittlerweile viele neue Hochhäuser gewachsen. Die damals, Ende der Achtzigerjahre, neu- oder umgebauten Museen am Ufer des Main sind heute wieder eingerüstet. Sie werden saniert, wie das Museum für Kunsthandwerk von Richard Meier, werden erweitert, wie das Städelmuseum, das damals Gustav Peichl zum erstenmal erweitert hatte, oder abermals umgebaut, wie das Filmmuseum, das jüngst und leider des postmodernen Glamours von Helge Bofinger beraubt wurde (ein Frankfurter Architekt – der Schurke aus einem James-Bond-Film heisst Blofinger). Daneben steht das Deutsche Architekturmuseum (DAM), 1984 von Oswald Matthias Ungers als Haus in ein historisches Haus implantiert und bereits vor zehn Jahren aufgefrischt. Zur Zeit ist dort nicht nur eine grosse Ausstellung zum Lebenswerk von Ernst May zu besichtigen, sondern auch eine kleine Schau zu Ehren eines Architekturvermittlers, des Kölners Wolfgang Pehnt – ein Novum für das DAM.
Wolfgang Pehnt feiert am 3. September seinen achtzigsten Geburtstag. Seine Texte, Bücher und Radiobeiträge prägten die Entwicklung der deutschen Architekturkritik mit. Pehnts profunde Argumentation, seine klare Sprache und die dahinterstehende Haltung begleiteten viele, auch mich in den Architekturberuf – eine Haltung, die Angemessenheit und Bescheidenheit vertritt und die auf den Erfahrungen von Krieg und Zerstörung, Not und Wiederaufbau gründet. Was Pehnt aber nicht daran hinderte, sich schon früh auch für formale Ausschweifungen zu interessierten – 1973 veröffentlichte er das Standardwerk «Architektur des Expressionismus».
In einer Vitrine im Dritten Stock des Museums liegt das Buch in mehreren Sprachausgaben. Daneben und darüber Geschenke zugewandter Architekten: Finsterlin-Aquarelle, ein Bergkristall, das Kirchengebirge von Neviges, von Gottfried Böhm mit Kohle grossformatig zu Papier gebracht. Auch andere haben den Architekturkritiker mit Zeichnungen oder geschmückten Briefen bedacht: Karljosef Schattner, Rudolf Schwarz oder Heinz Bienefeld. Skizzen Le Corbusiers stammen aus der Zeit, als der junge Kunsthistoriker im Verlag von Gerd Hatje als Lektor arbeitete, wo er auch einige Sammelbände über die Moderne Architektur herausgab.
Auch die drei Sammelbände von Pehnts Texten liegen in der Vitrine. Aus ihnen erfuhr ich vor zwanzig Jahren, wer Heinrich Tessenow war und las Bruno Tauts Aperçu «Wir müssen ständig den Weg suchen, bei dem die Wahrheit nicht leidet und das Gefühl nicht hungert.» Nun sitzt mir Wolfgang Pehnt gegenüber und signiert sein neustes Buch, ebenfalls ein Sammelband von Texten der letzten Jahre. Ich möchte von ihm wissen, wie sich das Metier der Architekturkritik im letzten halben Jahrhundert verändert hat. Der Schluss des Gespräches ging so:

«Axel Simon: Herr Pehnt, haben wir eine wichtige Frage vergessen?
Wolfgang Pehnt: Eine wäre: Was tun die neuen Medien mit der bisherigen Art und Weise, über Architektur kritisch zu schreiben? Ich sehe, wie die elektronischen Medien zunehmen, Facebook und Twitter, wie auch seriöse Institutionen, wie das DAM, und auch die Fachzeitschriften zunehmend auf die digitale schnelle Information setzen. Da frage ich mich: Führt das nicht dazu, Zusammenhänge, überlegungen, Argumentationen, Positionen aufzulösen in einen Pointilismus des Urteilens? Die Äusserungen, die man da zu lesen kriegt, sind in der Länge begrenzt, kommen manchmal von Leuten, die nicht mal mit ihrem eigenen Namen einstehen. Das sind Anstandsregeln, die sich für eine solide und sei es kontroverse Argumentation nicht gehören.»


(Ich gestehe: Bei dem vorab hier zu lesenden Schluss habe ich eine journalistische Anstandsregel nicht befolgt: Wolfgang Pehnt hat ihn weder gegengelesen, noch autorisiert. Was aber mit dem vollständigen Gespräch passieren wird. Im Oktoberheft von Hochparterre wird es zu lesen sein.
Ausstellung: Die Regel und die Ausnahme – Wolfgang Pehnt zum 80. Geburtstag
20. August bis 25. September 2011 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt.
Buch: Wolfgang Pehnt, Die Regel und die Ausnahme. Essays zu Bauen, Planen und Ähnlichem, Hatje Cantz Verlag, 2011

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