Das Wohnhaus in der Mitte des Bildes hat der Autor während seinem Semester bei Kollhoff entworfen. Fotos: Andres Herzog

Der Professor geht, ein Ex-Student blickt zurück

Hans Kollhoff war Professor mit Leib und Seele. In seinem Atelier hockten die Studenten nah aufeinander, sinnierten über Proportionen und lernten ihr Handwerk wie kaum an einem anderen Lehrstuhl.

Hans Kollhoff war Professor mit Leib und Seele. In seinem Atelier an der Scheuchzerstrasse entfloh er dem Mief des HIL-Gebäudes auf dem Hönggerberg. In der Stadt sollten die angehenden Architekten über die Stadt lernen. So schritt man mit dem Professor durchs Quartier und spitzte die Ohren. Mit seiner tiefen, ruhigen Stimme erklärte er Fassadendetails, zeigte auf Erker oder Dachkanten und wurde auch einmal laut, wenn ihm ein breiter Fensterrahmen aus Plastik ins Auge sprang. Gegenüber den Studenten blieb Kollhoff immer sachlich und fair. Er forderte viel. Alle zwei Wochen war eine Abgabe angesagt. Wenn einer aber mal mit leeren Händen da stand, war das nicht das Ende der Welt.

Kollhoff ging es nicht darum, bahnbrechende Ideen zu pflücken und einzelne Entwürfe aufs Podest zu heben. Im Zentrum stand stets der Vergleich zwischen den Arbeiten. An den Kritiken der Kameraden begriff man genauso viel über sein eigenes Projekt wie am Entwurfspult. Kollhoff wollte, dass seine Studenten von einander lernten. Im hellen Atelier hockte man nah aufeinander, tauschte Klinkertexturen aus, half, wenn die Rendermaschine klemmte, und sinnierte über Proportionen. Zu Beginn eines Semesters versuchte es der ein oder andere noch mit moderner Schlichtheit. Nach und nach glichen sich die Entwürfe aber an, wurden klassischer und feiner. Dabei entstand keine monotone Langeweile, sondern eine rege Auseinandersetzung um Stadt, Fassadengliederung und Raumwirkung.

Neben Kollhoff selbst war auch die Professionalität an seinem Lehrstuhl beeindruckend. Nirgends sonst an der ETH lernte man besser, wie man aus einem Linienmodell am PC ein fotorealistisches Bild zauberte. Gedruckt wurde nicht an den öffentlichen Stationen, sondern am eigenen Plotter auf dickes Papier. Für die Modelle stand für jeden ein Sack Gips bereit. Und war die Masse einmal angerührt, goss man wie die Profis in eine Silikonform. Die Gipsschlachten sind nun vorbei. Die Rendercomputer kalt. Das Surren der Drucker verstummt. Kollhoff ist an der ETH Geschichte. Von seiner Architektur kann man halten, was man will. Als Professor war er eine Klasse für sich.

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Kommentare

Gaststudent der ETH 06.03.2012 16:11
Ich kam als Gast an die ETH aus einer von der Moderne überforderten und dadurch "Profillosen" Universität in Deutschland. Ich wusste weder wer Hans Kollhoff war, noch was mich erwartete. Es war mein erstes Gastsemester in Zürich. Zwar blieb ich nicht am Lehrstuhl, aber als Professor war er eine väterliche Figur, die ruhig und sachlich den vom Hochglanz geblendeten Studenten an der Hand nahm, der eben noch wild mit Graukartonplatten ein Modell voll Rampen und verspringenden Öffnungen vorgestellt hatte - und langsam in die Geschichte der europäischen Stadtarchitektur geführt hat. Ich blieb in Zürich - nicht wegen ihm, aber wegen der Gedanken, die er gesät hatte. Danke dafür!
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Ich kann das Bild nicht lesen