Projekt: Marine Cobo Molina, Warteraum und Laden in der alten Heubühne

Das Stallwunder

Das Zweitwohnungsgesetz macht den leeren Stall begehrt. Doch statt ihn mit Ferienwohnungen abzufüllen, kann er auch Einheimischen nützen, wie Entwürfe von ETH-Studierenden zeigen.

Dutzende Ställe stehen in den Dörfern des Lugnez leer. Sie werden nicht mehr gebraucht, weil die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe sinkt und die verbleibenden in grösseren, neuen Ställen wirtschaften siehe Hochparterre 10 / 17. Doch das Zweitwohnungsgesetz macht den nutzlosen Stall zum begehrten Gut siehe ‹Das Gesetz›, Seite 44. Ist er für das Ortsbild prägend und darum unter Schutz gestellt, darf er mit Ferienwohnungen ausgebaut werden, auch wenn eine Gemeinde schon zwanzig Prozent oder mehr davon aufweist.

So verschwinden keine Wiesen mehr unter Ferienblöcken. Der Stall steht schon da, mitten im schönen Dorfbild, und zu haben ist er auch. Dem Bauern ist er lästig, abbrechen kostet, stehen lassen kostet, denn man muss ständig das Dach flicken. Also Win-win? Bauern, Immobilienhändler, Architektinnen, Bauunternehmer – alle haben am Zweitwohnungsbau verdient und wollen, dass es weitergeht. «Ställe umbauen!», rufen sie. «Wir können nicht in Schönheit untergehen!»

Es gäbe im Lugnez auch leere Wohnhäuser zu kaufen. Doch die Auswärtigen nehmen lieber den Stall. Da hat es Luft für ihren Ferienraumtraum, ohne dass sie den Kopf am Türsturz anschlagen. Und so sind nicht mehr gebrauchte Ställe, Scheunen und Maisensässe im Lugnez mittlerweile mehrere Hunderttausend Franken teuer.

Natürlich, man kann auch die verbleibenden Ställe noch mit Ferienwohnungen abfüllen. Das hält die Bauprofitkette nochmals fünf Jahre in Schuss. Doch was, wenn der letzte Stall umgebaut ist? Mit leeren Gemeindehäusern, nicht mehr gebrauchten Kirchen und Schulen weitermachen? Die Profitlogik des Abfüllens ist kurzsichtig. Dass kalte Betten die Atmosphäre in einem Dorf nicht gemütlicher machen, kann man in den Tälern Graubündens besichtigen, und das wissen auch die Bauleute.

Vier Herangehensweisen: belassen, im Innern umbauen, dazubauen, abbrechen und allenfalls neu bauen (Skizze Franziska Wittmann)

Verändern zum Weiterlieben

Im Moment herrscht darum Ratlosigkeit. Man muss etwas tun mit den Ställen, nur was? Man kann die schönen schützen und erhalten, doch darf man sie dann aussen nicht mehr verändern. Die oberflächliche Auffassung von Erhalt rettet nur die Hülle, nur die Kulisse. Dem Touristenblick mag dies gefallen. Doch den Stall und seine Zukunft engt es ein. Denn der neue Zweck des Zweckbaus könnte gerade darin liegen, dass der Stall mit seiner einfachen baulichen Struktur tatsächlich mehr Freiheiten für Veränderungen bietet als das Wohnhaus. Und vielleicht muss man den Stall verändern und verwandeln, um ihn weiter lieben zu können. Veränderung und Verwandlung können ihn interessant machen für eine Gruppe, die grösser ist als Bauern und Zweitwohnungskäufer zusammen: Die Bevölkerung des Lugnez.

Wie lässt sich der Stall verändern und verwandeln? Ideen und Bilder sind gefragt. Studierende von Gion A. Caminada an der ETH Zürich haben während zwei Semestern gesucht und entworfen, begleitet vom Architekten Paul Knill, von Angelus Eisinger, Direktor der Regionalplanung Zürich und Umgebung, und von mir.

Um einen neuen Gebrauch zu entwickeln, heisst die erste Frage nicht: Was tun mit dem Stall? Sondern: Welche Anliegen und welchen Bedarf gibt es im Lugnez und in seinen Dörfern, und was kann der Stall dazu beitragen? Vella im Zentrum des Tals ist zum Beispiel beliebt zum Wohnen, aber die Bauzonen sind bald aufgebraucht bis auf Reserven innerhalb der Bebauung. Darum gilt es nun, die Aufmerksamkeit der Menschen auf bestehende Häuser im Dorf zu lenken, und da kann der Stall den Unterschied machen. Vielleicht entschliesst man sich dazu, eine Scheune an schöner Lage abzureissen und Platz für ein Wohnhaus zu schaffen. Vielleicht entpuppt sich der Stall als Luxus: als Raumangebot. Er ist da, er ist leer, er ist günstig. Eine Offerte, von der man in der teuren Stadt nur träumen kann. Die meisten Menschen im Lugnez sind den Ställen gegenüber noch gleichgültig. Doch es lohnt sich – aus raumplanerischen, aus sozialen und aus architektonischen Gründen –, sie zu sensibilisieren für die Überlegung, was ihnen der nutzlose Stall künftig nützen könnte.

 

Im Ensemble gewinnt der Stall an Wert

Um den Wert und die Möglichkeiten eines Stalls zu erkennen, hilft es, ihn nicht isoliert zu betrachten. Meistens gehört er zu einem Ensemble aus Wohnhaus, Schuppen, Wiese und Garten. Wer auf dem Schwarzplan danach späht, kann überall in den Dörfern Kreise ziehen um solche Ensembles, oft aus drei Gebäuden. Es ist fast eine Gesetzmässigkeit, wie sich die scheinbar ungeplanten Siedlungen zusammensetzen. Welche Aufgabe kann der vermeintlich einsame Stall im Zusammenspiel des Ensembles übernehmen? Betrachtet man das Ganze, gewinnt das Einzelne an Wert.

Die Studierenden schufen Projekte in fünf Richtungen. Erstens: den Stall weitgehend belassen und so weiter nutzen. Zweitens: im Inneren umbauen. Drittens: dazubauen. Viertens: abbrechen, neu bauen. Fünftens: kombinieren. Ein Entwurf zum Thema ‹kombinieren› räumt in Vella einen Stall in schlechtem Zustand ab, setzt ein neues Haus hin, verbindet dieses mit einem zweiten Stall und schafft so Wohnräume, die es nirgends sonst gibt. Ein Projekt zum Thema ‹dazubauen› zerteilt eine Scheune in Degen und behält davon nur, was die Gegenwart will: Stauraum, Spielraum, Luftraum für zwei neue Wohnhäuser. Zum Thema ‹im Innern umbauen› wird in den Stall bei der Bushaltestelle in Vrin ein Laden für lokale Produkte eingefügt. Wer verreist, kann hier wie in einem grossen Bahnhof vor der Abfahrt noch Fleisch, Brot und Käse kaufen und in der Scheune darüber trockenen Fusses auf den Bus warten. So nützt der Stall der Dorfgemeinschaft.

Es geht um mehr als um den Erhalt. Der Stall hatte einen Zweck, man kann ihm einen neuen geben. Anbauen, abbrechen, zweiteilen mit architektonischer Frische. Oder man hat Geduld und lässt ihn stehen. Verstaut darin Skis und Schneeschleuder. Wartet auf den Moment, in dem ein neues Bedürfnis ruft. Und flickt in der Zwischenzeit ab und zu das Dach.

 

Weitgehend belassen und nutzen

Aus dem Zwillingsstall in Morissen wird eine Kräutermanufaktur. Im gemauerten Sockelgeschoss reift das Kräutermazerat: Zerkleinerte Kräuter stehen in kaltem Wasser, um Wirkstoffe herauszulösen. Auch eine Werkstatt findet Platz. In der Rundholzscheune darüber trocknen immer noch Pflanzen – statt des Heus nun eben Kräuter. Sie wachsen im Garten der Manufaktur und auf von ihr bewirtschafteten Wiesen. Aus der Garage vor dem Stall wird ein Teehaus, in dem man Tee degustieren und kaufen kann.

Projekt: Oliver Walter, Ansicht Südost

Projekt: Oliver Walter, Erdgeschoss

Projekt: Oliver Walter, Situation in Morissen

 

Dazubauen

Ein leerer Stall ist eine Raumofferte. Und Raum ist ein Bedürfnis. Vom mächtigen Riegelstall in Degen wird die eine Hälfte abgerissen. An die Schmalseiten der anderen werden zwei Wohnhäuser angefügt, unterschiedlich, individuell, eigenständig. Der alte Stall wird zur neuen Mitte. Im Sockel die Geräte, auf der Heubühne Spielplatz, Wäscheleine und ein grosser Tisch. Einfach Raum.

Projekt: Raphael Hähni, Zwischenraum

Projekt: Raphael Hähni, Längsschnitt

Projekt: Raphael Hähni, Situation Degen

 

Kombinieren

Im Ensemble mitten in Vella weicht ein kleiner Stall einem zeitgemässen Wohnhaus. Dessen Obergeschoss wird bis in die Scheune des zweiten Stalls verlängert. Das doppelte Erdgeschoss bietet allerhand Wirtschafts- und Stauraum. Zwischen den Gebäuden entsteht ein besonnter, geborgener Platz zum Sitzen. Der Verbindung von Alt und Neu, von Stall und Haus entspringen Räume zum Leben, die es nur hier gibt.

Projekt: Lorenz Brunner, Vorplatz

Projekt: Lorenz Brunner, Ansicht Südost und Querschnitt

 

Im Inneren umbauen

Wer nach Hause reist, möchte ein Andenken mitnehmen. Und so wird im Riegelstall an der Postautohaltestelle von Vrin ein kleiner Laden eingebaut. Erhältlich sind lokale Produkte, Würste, Käse, Honig und Nusstorten natürlich. Der vordere Teil der Scheune bleibt leer. Dort können müde Wandererinnen die Beine baumeln lassen und im Trockenen auf das Postauto warten. Mit wenigen Eingriffen erhält der Stall einen einfachen, neuen Zweck für das Dorf.

Projekt: Marine Cobo Molina, Warteraum und Laden in der alten Heubühne

Projekt: Marine Cobo Molina, Längsschnitt

 

Abbrechen, Neubau

Wenn in Cumbel eine Saiblingzucht Erfolg hat, warum nicht auch ein Gewächshaus in Vrin probieren? Am unteren Dorfrand weichen drei Ställe in schlechtem Zustand zwei Neubauten: An den Hügel schmiegt sich das langgezogene Gewächshaus. Im Glashaus gedeihen auch auf dieser Höhe Gemüse und Kräuter. Im Sockel darunter ist Platz für Werkstatt, Geräte, Lager. Davor steht an der kleinen Strasse das Gasthaus. Im oberen Stock wohnen die Gemüsebauern, im Erdgeschoss bewirten sie Gäste mit eigenen Produkten. Wieder steht eine Einheit aus Ökonomie- und Wohngebäude da.

Projekt: Kathrin Füglister, Der neue Betrieb aus Gasthaus und Gewächshaus

Projekt: Kathrin Füglister, Situation in Vrin

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